Das Silhouettenzeichen gehört zu den wichtigsten Prinzipien der konventionellen Thoraxradiologie. Sein eigentlicher Nutzen besteht nicht darin, eine Pneumonie oder eine andere Erkrankung zu diagnostizieren, sondern eine Verschattung anatomisch zu lokalisieren. Verschwindet beispielsweise der normalerweise scharf erkennbare rechte Herzrand, muss die angrenzende pathologische Verdichtung in derselben räumlichen Ebene wie dieser Herzrand liegen. Bleibt die Herzgrenze dagegen trotz einer darüber projizierten Verschattung sichtbar, liegt die Veränderung wahrscheinlich vor oder hinter dieser Grenzfläche.
Damit lässt sich aus einer zweidimensionalen Projektionsaufnahme räumliche Information gewinnen. Voraussetzung ist allerdings, dass man versteht, warum normale Konturen im Röntgenbild überhaupt sichtbar werden. Das Silhouettenzeichen sollte deshalb nicht als auswendig gelernte Zuordnung „Herzrand = Mittellappen“ verstanden werden, sondern als Anwendung eines grundlegenden Prinzips der Röntgenbildentstehung.
Inhaltsverzeichnis
- Warum sind Konturen im Röntgenbild sichtbar?
- Was ist das Silhouettenzeichen?
- So erkennt man das Silhouettenzeichen
- Rechter Herzrand: Mittellappen
- Linker Herzrand: Lingula
- Zwerchfellkontur: Unterlappen
- Weitere Mediastinalkonturen
- Welche Veränderungen erzeugen ein Silhouettenzeichen?
- Die erhaltene Kontur ist ebenso wichtig
- Fallstricke und Grenzen
- Seitenaufnahme oder CT?
- Silhouettenzeichen im Befund formulieren
- Fazit
- Literatur
Warum sind Konturen im Röntgenbild sichtbar?
Eine anatomische Grenze wird im Röntgenbild sichtbar, wenn unmittelbar benachbarte Strukturen die Röntgenstrahlung unterschiedlich stark abschwächen. Deshalb lässt sich beispielsweise der weichteildichte rechte Herzrand gegenüber der angrenzenden luftgefüllten Lunge deutlich erkennen. Die sichtbare Kontur entsteht nicht durch eine eigene Linie am Herzen, sondern durch den Kontrast zwischen Herz und belüfteter Lunge.
Wird die unmittelbar an das Herz angrenzende Lunge durch einen Prozess weichteildicht, geht dieser Dichteunterschied verloren. Herz und angrenzende pulmonale Veränderung besitzen nun eine ähnliche radiographische Dichte und ihre gemeinsame Grenzfläche ist nicht mehr erkennbar. Genau auf diesem Prinzip beruht das Silhouettenzeichen.
Entscheidend sind dabei zwei Voraussetzungen: Die Strukturen müssen eine ähnliche radiographische Dichte besitzen und räumlich unmittelbar aneinandergrenzen. Eine weichteildichte Verschattung, die sich im zweidimensionalen Frontalbild lediglich über den Herzrand projiziert, ihn aber anatomisch nicht berührt, löscht dessen Kontur nicht zwangsläufig aus.
Was ist das Silhouettenzeichen?
Als Silhouettenzeichen (Silhouette Sign) bezeichnet man die Auslöschung einer normalerweise sichtbaren anatomischen Kontur oder Grenzfläche durch eine unmittelbar angrenzende Struktur ähnlicher Röntgendichte. Im Thorax betrifft dies besonders die Herzränder, die Zwerchfellkuppeln sowie Konturen von Aorta und Mediastinum.
Das Zeichen beantwortet zunächst die Frage „Wo liegt die Veränderung?“ und nicht „Welche Erkrankung liegt vor?“. Eine Konsolidierung, Atelektase, Raumforderung oder pleurale Flüssigkeit kann unter geeigneten anatomischen Bedingungen dieselbe Kontur auslöschen. Die Ätiologie muss deshalb anhand der übrigen Morphologie und des klinischen Kontextes beurteilt werden.
So erkennt man das Silhouettenzeichen
In der Praxis sollte nicht erst nach einer Verschattung und anschliessend nach einem passenden Zeichen gesucht werden. Sinnvoller ist es, die normalen Konturen des Thorax systematisch zu verfolgen. Sind rechter und linker Herzrand vollständig abgrenzbar? Lassen sich beide Zwerchfellkuppeln verfolgen? Sind die erwarteten Konturen des oberen Mediastinums und der Aorta erhalten?
Wird eine Kontur unscharf oder verschwindet vollständig, sollte zunächst geprüft werden, ob unmittelbar angrenzend eine pathologische Verdichtung vorhanden ist. Anschliessend wird anhand der normalen Anatomie gefragt, welcher Lungenabschnitt diese Kontur tatsächlich berührt. Auf diese Weise wird aus dem Konturenverlust eine anatomische Lokalisation.
| Ausgelöschte Kontur | Typische Lokalisation der angrenzenden pulmonalen Veränderung |
|---|---|
| Rechter Herzrand | Rechter Mittellappen, insbesondere medialer Anteil |
| Linker Herzrand | Lingula des linken Oberlappens |
| Rechte Zwerchfellkontur | Basale Anteile des rechten Unterlappens |
| Linke Zwerchfellkontur | Basale Anteile des linken Unterlappens |
| Aortenbogen | Angrenzender linker Oberlappen |
| Absteigende Aorta | Angrenzender linker Unterlappen |
Diese Zuordnungen sind keine willkürlichen Merkregeln. Sie ergeben sich daraus, welcher Lungenabschnitt anatomisch unmittelbar an die jeweilige Struktur angrenzt.
Rechter Herzrand: Mittellappen
Der untere rechte Herzrand wird im Frontalbild von belüfteter Lunge des rechten Mittellappens begrenzt. Wird insbesondere der mediale Anteil des Mittellappens weichteildicht, geht der Kontrast zwischen Lunge und Herz verloren und der rechte Herzrand wird teilweise oder vollständig ausgelöscht.
Eine Verschattung im rechten unteren Lungenfeld mit fehlender rechter Herzrandkontur spricht deshalb für eine Lokalisation im Mittellappen. Bleibt gleichzeitig die rechte Zwerchfellkontur erhalten, unterstützt dies die Lokalisation zusätzlich: Die Veränderung grenzt an das Herz, nicht aber an die sichtbare Zwerchfellkontur.
Gerade diese Kombination ist lehrreich: Nicht allein die Verschattung bestimmt die Lokalisation, sondern das Muster aus verlorenen und erhaltenen Konturen.
Linker Herzrand: Lingula
Auf der linken Seite grenzt die Lingula des linken Oberlappens an den linken Herzrand. Eine weichteildichte Veränderung der Lingula kann deshalb die normalerweise erkennbare linke Herzkontur auslöschen. Das Prinzip entspricht dem Mittellappen auf der rechten Seite.
Auch hier ist das Zeichen nicht gleichbedeutend mit Pneumonie. Eine Konsolidierung unterschiedlicher Ursache, eine Atelektase oder eine andere weichteildichte Veränderung kann denselben Effekt erzeugen. Das Silhouettenzeichen lokalisiert die Veränderung; die Ursache muss anschliessend aus weiteren Befunden abgeleitet werden.
Zwerchfellkontur: Unterlappen
Geht die Kontur einer Zwerchfellkuppel durch eine angrenzende pulmonale Verschattung verloren, spricht dies für eine Lokalisation in den basalen Anteilen des entsprechenden Unterlappens. Besonders hilfreich ist wiederum der Vergleich mit den Herzrändern: Eine rechtsbasale Verschattung bei erhaltenem rechten Herzrand, aber ausgelöschter rechter Zwerchfellkontur spricht eher für einen Unterlappenprozess als für eine Mittellappenveränderung.
Die Zuordnung darf jedoch nicht mechanisch erfolgen. Die auf der Frontalaufnahme sichtbare Zwerchfellkuppel entspricht nicht der gesamten dreidimensionalen Zwerchfelloberfläche. Insbesondere posterior gelegene Unterlappenveränderungen können deshalb vorhanden sein, ohne die im Frontalbild sichtbare Zwerchfellkontur vollständig auszulöschen. Ein erhaltenes Zwerchfell schliesst einen Unterlappenprozess somit nicht aus.
Weitere Mediastinalkonturen
Das Prinzip des Silhouettenzeichens ist nicht auf Herz und Zwerchfell beschränkt. Auch die Konturen des Aortenbogens, der absteigenden Aorta und anderer mediastinaler Strukturen entstehen durch den Kontrast zur angrenzenden belüfteten Lunge. Ihr Verlust kann deshalb zusätzliche Hinweise auf die räumliche Lage einer pulmonalen oder mediastinalen Veränderung geben.
Eine Verschattung, welche die Kontur des Aortenbogens auslöscht, muss beispielsweise in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Struktur liegen. Eine erhaltene Aortenkontur trotz darüber projizierter Verschattung spricht dagegen dafür, dass zwischen beiden keine unmittelbare anatomische Kontaktfläche besteht. Für die tägliche Befundung sind diese Beziehungen besonders dann hilfreich, wenn eine zentrale oder paramediastinale Verschattung im Frontalbild räumlich eingeordnet werden soll.
Welche Veränderungen erzeugen ein Silhouettenzeichen?
Das Silhouettenzeichen ist kein Pneumoniezeichen. Entscheidend ist lediglich, dass eine normalerweise luftgefüllte beziehungsweise kontrastgebende Grenzfläche durch Gewebe ähnlicher Röntgendichte ersetzt oder verdeckt wird. Zu den möglichen Ursachen gehören alveoläre Konsolidierungen, Atelektasen, pulmonale Raumforderungen und – abhängig von der anatomischen Lage – pleurale Flüssigkeitsansammlungen.
Bei einer Pneumonie kann die alveoläre Füllung die betroffene Lungenregion weichteildicht machen. Bei einer Atelektase führt der Luftverlust ebenfalls zu einer erhöhten Dichte; zusätzlich sind jedoch Zeichen des Volumenverlustes wie Fissuren-, Hilus- oder Mediastinalverlagerung zu erwarten. Eine Raumforderung kann eine Kontur auslöschen, wenn sie dieser unmittelbar anliegt. Das Silhouettenzeichen allein unterscheidet diese Ursachen nicht.
Die erhaltene Kontur ist ebenso wichtig
Für die räumliche Lokalisation ist nicht nur entscheidend, welche Kontur verschwindet. Ebenso wertvoll ist die Frage, welche Kontur trotz einer darüber projizierten Verschattung erhalten bleibt. Ist beispielsweise im rechten unteren Lungenfeld eine Verdichtung sichtbar, der rechte Herzrand aber scharf abgrenzbar, liegt zwischen Herz und Veränderung weiterhin belüftete Lunge. Die Verschattung befindet sich damit wahrscheinlich nicht unmittelbar am rechten Herzrand.
Dieses Prinzip macht deutlich, warum das Silhouettenzeichen mehr ist als eine Liste von Lappen und Konturen. Im Projektionsröntgen werden Strukturen aus unterschiedlichen Tiefen auf dieselbe Bildebene projiziert. Eine Verschattung kann daher scheinbar über dem Herzen liegen, obwohl sie anatomisch posterior davon lokalisiert ist. Bleibt die Herzkontur sichtbar, liefert genau diese erhaltene Grenzfläche die räumliche Information.
Ein klassisches Beispiel ist die Unterscheidung zwischen Mittellappen- und Unterlappenprozess: Eine Mittellappenverdichtung kann den rechten Herzrand auslöschen, während die Zwerchfellkontur erhalten bleibt. Bei einer basalen Unterlappenverdichtung kann dagegen die Zwerchfellkontur verschwinden, während der rechte Herzrand weiterhin sichtbar ist.
Fallstricke und Grenzen
Ein fehlender oder unscharfer Herzrand beweist nicht automatisch eine pulmonale Pathologie. Projektion, Rotation, unzureichende Inspiration und anatomische Varianten können die Beurteilung erschweren. Auch ein Pectus excavatum kann insbesondere die rechte Herzrandkontur verändern und ein pathologisches Silhouettenzeichen vortäuschen.
Umgekehrt schliesst eine erhaltene Kontur eine Erkrankung des entsprechenden Lungenlappens nicht grundsätzlich aus. Entscheidend ist, ob die pathologische Veränderung tatsächlich bis an die betreffende anatomische Grenzfläche reicht. Eine kleine oder innerhalb eines Lappens gelegene Läsion kann vorhanden sein, ohne Herz- oder Zwerchfellkontur zu berühren. Dasselbe gilt für posterior gelegene Unterlappenveränderungen, welche die im Frontalbild sichtbare Zwerchfellkuppel nicht zwingend auslöschen.
Das Silhouettenzeichen sollte deshalb als Lokalisationshilfe und nicht als binärer Krankheitstest verstanden werden. Es erhöht die räumliche Information der Projektionsaufnahme, ersetzt aber weder die vollständige Bildanalyse noch bei entsprechender Fragestellung die Schnittbilddiagnostik.
Seitenaufnahme oder CT?
Die seitliche Thoraxaufnahme kann die Lokalisation einer im Frontalbild nicht eindeutig zuzuordnenden Verschattung unterstützen, weil sie die anterior-posteriore Lage besser erkennen lässt. Beispielsweise liegen Mittellappen und Lingula überwiegend anterior, während die Unterlappen einen grossen posterioren Anteil besitzen. Auch die Zwerchfellkonturen und der retrocardiale Raum können in der Seitenaufnahme zusätzliche Informationen liefern.
Eine Seitenaufnahme sollte jedoch nicht reflexartig allein deshalb angefertigt werden, weil ein Silhouettenzeichen vermutet wird. Ob sie einen diagnostischen Zusatznutzen bietet, hängt von der konkreten Fragestellung und den bereits vorhandenen Aufnahmen ab. Bei einer unklaren zentralen Raumforderung, komplexen mediastinalen Veränderung oder einem klinisch relevanten Befund, der konventionell nicht ausreichend charakterisiert werden kann, liefert die CT eine wesentlich genauere anatomische Zuordnung.
Silhouettenzeichen im Befund formulieren
Auch beim Silhouettenzeichen sollte die Befundung von der Morphologie zur Interpretation führen. Statt unmittelbar eine ätiologische Diagnose zu formulieren, kann zunächst beschrieben werden, welche Kontur betroffen ist und wo die Veränderung damit wahrscheinlich lokalisiert ist.
Eine mögliche Formulierung lautet beispielsweise: „Flächige Verdichtung im rechten unteren Lungenfeld mit Auslöschung der rechten Herzrandkontur bei erhaltener rechter Zwerchfellkontur, vereinbar mit einer Lokalisation im rechten Mittellappen.“ Erst anschliessend sollte – sofern Morphologie und klinischer Kontext dies erlauben – die wahrscheinlichste Ursache genannt werden.
Bei einer nicht eindeutigen Zuordnung sollte auch diese Unsicherheit erhalten bleiben. Das Silhouettenzeichen unterstützt die anatomische Lokalisation, rechtfertigt aber keine ätiologische Sicherheit, die das Röntgenbild nicht bietet.
Fazit
Das Silhouettenzeichen ist kein auswendig zu lernendes Zuordnungsschema, sondern ein grundlegendes Prinzip der Projektionsradiographie. Eine normalerweise sichtbare Kontur verschwindet, wenn eine unmittelbar angrenzende Struktur eine ähnliche Röntgendichte annimmt. Daraus lässt sich ableiten, wo eine Verschattung räumlich liegt.
Für die praktische Bildanalyse sollten deshalb sowohl ausgelöschte als auch erhaltene Konturen systematisch beurteilt werden. Rechter Herzrand, linker Herzrand, Zwerchfellkuppeln und mediastinale Konturen liefern zusammen eine räumliche Landkarte des Thorax. Das Zeichen lokalisiert eine Veränderung, bestimmt aber nicht deren Ursache – genau diese Trennung zwischen Morphologie, Lokalisation und Ätiologie macht seinen diagnostischen Wert aus.
Literatur
- Bankier AA, MacMahon H, Colby T, et al. Fleischner Society: Glossary of Terms for Thoracic Imaging. Radiology. 2024;310(2):e232558.
- Felson B, Felson H. Localization of intrathoracic lesions by means of the postero-anterior roentgenogram; the silhouette sign. Radiology. 1950;55(3):363–374.
- Algın O, Gökalp G, Topal U. Signs in chest imaging. Diagn Interv Radiol. 2011;17(1):18–29.
- Felson B. Felson’s Principles of Chest Roentgenology: A Programmed Text. 5th ed. Elsevier; 2020.




