Hüftgelenk axial: Lauenstein oder Johansson?
Die Bezeichnung „Hüftgelenk axial“ ist nicht eindeutig. Je nach klinischer Fragestellung kann damit eine Aufnahme nach Lauenstein oder eine axiale Traumaprojektion nach Sven Johansson gemeint sein. Beide Verfahren zeigen das Hüftgelenk in einer zweiten Ebene. Sie unterscheiden sich jedoch grundlegend hinsichtlich Lagerung, Indikation und diagnostischem Nutzen.
Für Hausärztinnen und Hausärzte, Radiologie-Fachpersonen, medizinische Praxisassistentinnen sowie Ärztinnen und Ärzte in radiologischer Weiterbildung ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Eine Lauenstein-Aufnahme ist bei vielen elektiven orthopädischen Fragestellungen hilfreich. Allerdings erfordert sie eine deutliche Bewegung des Hüftgelenks. Bei Verdacht auf eine akute Fraktur oder Luxation ist deshalb in der Regel eine Projektion mit horizontalem Strahlengang angezeigt. Dabei wird das betroffene Bein möglichst nicht bewegt.
Merksatz: Lauenstein ist primär eine elektive orthopädische Froschbeinprojektion. Sven Johansson ist dagegen eine axiale Traumaprojektion mit horizontalem Strahlengang.
Warum wird das Hüftgelenk in einer zweiten Ebene geröntgt?
Eine a.-p. Aufnahme des Beckens oder des Hüftgelenks bildet Femurkopf, Schenkelhals und Trochanterregion nur in einer Projektion ab. Dadurch können Frakturen, Formveränderungen oder Konturunregelmässigkeiten durch Überlagerungen verdeckt werden. Zudem lässt sich ihre räumliche Ausdehnung teilweise nur schwer einschätzen.
Die axiale oder laterale Projektion ergänzt deshalb die a.-p. Aufnahme. Sie ermöglicht insbesondere die Beurteilung folgender Strukturen:
- Femurkopf und Kopf-Hals-Übergang
- ventrale und dorsale Kontur des Schenkelhalses
- Stellung des Femurkopfes zum Schenkelhals
- Epiphysenfuge bei Kindern und Jugendlichen
- Schenkelhals und Trochanterregion bei Frakturen
- Stellung des Femurkopfes im Acetabulum
- Dislokation und Verlauf von Frakturlinien
Welche zweite Ebene gewählt wird, hängt daher nicht nur von der darzustellenden Anatomie ab. Entscheidend ist vielmehr die klinische Situation.
Hüftgelenk axial nach Lauenstein
Die Aufnahme nach Lauenstein wird häufig als Froschbeinaufnahme oder frog-leg lateral view bezeichnet. Dabei wird das zu untersuchende Hüftgelenk flektiert, abduziert und aussenrotiert. Die genaue Lagerung kann jedoch abhängig von der verwendeten Einstelltechnik und der klinischen Fragestellung variieren.
Durch diese Position wird der Schenkelhals gegenüber der a.-p. Projektion besser aufgedeckt. Dadurch lassen sich Femurkopf, Epiphysenregion und Kopf-Hals-Übergang in einer zusätzlichen Projektion beurteilen. Die Aufnahme eignet sich daher insbesondere für elektive orthopädische und pädiatrische Fragestellungen.
Typische Indikationen der Lauenstein-Aufnahme
- Morbus Perthes und Verlaufskontrollen
- Epiphysiolysis capitis femoris bei klinisch stabiler Situation
- Beurteilung des femoralen Kopf-Hals-Übergangs
- Cam-Morphologie und andere Formvarianten des proximalen Femurs
- Beurteilung der Form und Kontur des Femurkopfes
- Beurteilung der Gelenkkongruenz
- Verlaufskontrollen bekannter Erkrankungen des Femurkopfes
Welche Strukturen sind typisch sichtbar?
Bei einer Lauenstein-Aufnahme ist das Foramen obturatum häufig grossflächig und deutlich erkennbar. Aufgrund der Abduktion verläuft der Femurschaft seitlich aus dem Bild, während der proximale Femur in Froschbeinstellung dargestellt wird. Gleichzeitig erscheint der Schenkelhals gegenüber der a.-p. Projektion deutlich weniger verkürzt.
Die Darstellung des Foramen obturatum ist jedoch kein absolut sicheres Einzelkriterium. Sein Erscheinungsbild wird zusätzlich durch Beckenkippung, Rotation, Zentrierung, Einblendung und individuelle Anatomie beeinflusst.
Warum ist Lauenstein bei akutem Frakturverdacht ungeeignet?
Für eine Lauenstein-Aufnahme muss das betroffene Hüftgelenk flektiert, abduziert und aussenrotiert werden. Bei einer frischen Schenkelhalsfraktur, pertrochantären Fraktur oder Hüftluxation kann diese Bewegung erhebliche Schmerzen verursachen. Ausserdem besteht bei einer instabilen Verletzung die Gefahr, eine vorhandene Dislokation zu verstärken.
Wichtig: Bei Verdacht auf eine akute proximale Femurfraktur, Hüftluxation oder Luxationsfraktur sollte deshalb keine forcierte Froschbeinlagerung erfolgen.
Florenz entdecken. In Florenz oder Fiesole wohnen.
Besonderheit bei der Epiphysiolysis capitis femoris
Die Froschbeinaufnahme kann bei einer stabilen Epiphysiolysis capitis femoris eine diskrete Verschiebung der Epiphyse sichtbar machen, die in der a.-p. Projektion möglicherweise nur schwer zu erkennen ist. Bei klinischen Zeichen einer instabilen Epiphysiolyse darf das betroffene Hüftgelenk jedoch nicht unkritisch in eine Froschbeinstellung gebracht werden. Eine forcierte Bewegung ist daher zu vermeiden. Zudem muss die Projektion an die klinische Stabilität angepasst werden.
Hüftgelenk axial nach Sven Johansson
Die Aufnahme nach Sven Johansson entspricht einer axialen Projektion mit horizontalem Strahlengang. Im englischsprachigen Raum werden dafür häufig die Bezeichnungen cross-table lateral view oder horizontal-beam lateral view verwendet.
Das betroffene Bein bleibt dabei weitgehend gestreckt und möglichst unbewegt. Das nicht verletzte Bein wird dagegen angehoben oder flektiert. Dadurch können Strahlengang und Detektor seitlich an die zu untersuchende Hüfte herangeführt werden.
Auf diese Weise lässt sich eine zweite Ebene des proximalen Femurs anfertigen, ohne die verletzte Hüfte in eine ausgeprägte Flexion, Abduktion oder Aussenrotation zu bringen.
Typische Indikationen nach Sven Johansson
- Verdacht auf Schenkelhalsfraktur
- pertrochantäre oder subtrochantäre Fraktur
- Beurteilung der Frakturstellung in einer zweiten Ebene
- Hüftluxation
- Kontrolle nach Reposition einer Hüftluxation
- Hüftkopffraktur
- Luxationsfraktur
- postoperative Verlaufskontrolle
Vorteile der Sven-Johansson-Aufnahme
Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass die möglicherweise verletzte Hüfte nicht wesentlich bewegt werden muss. Die Projektion eignet sich deshalb besonders für die akute Traumadiagnostik. Gleichzeitig ermöglicht sie die Beurteilung von Schenkelhals, Trochanterregion und Frakturdislokation in einer zweiten Ebene.
Technische Grenzen
Die Sven-Johansson-Aufnahme ist allerdings technisch anspruchsvoller als eine Froschbeinaufnahme. Der Strahlengang verläuft durch eine vergleichsweise grosse Weichteildicke. Bei adipösen Patientinnen und Patienten können deshalb höhere Expositionsparameter und der Einsatz eines Rasters erforderlich sein.
Eine unzureichende Anhebung des nicht betroffenen Beins, eine ungünstige Detektorposition oder eine fehlerhafte Zentrierung können zudem dazu führen, dass der Schenkelhals nicht vollständig dargestellt wird. Auch eine Überlagerung durch die kontralaterale Extremität kann die Beurteilbarkeit einschränken.
Wie unterscheiden sich Lauenstein und Sven Johansson im Röntgenbild?
Die sicherste Zuordnung ergibt sich aus der dokumentierten Lagerung und der Aufnahmetechnik. Dennoch ist anhand der sichtbaren Anatomie meist eine gute Einordnung möglich.
| Kriterium | Lauenstein | Sven Johansson |
|---|---|---|
| Stellung des Hüftgelenks | Flexion, Abduktion und Aussenrotation | Betroffene Hüfte weitgehend gestreckt und möglichst unbewegt |
| Femurschaft | Seitlich abduziert, typische Froschbeinstellung | Verläuft annähernd in neutraler Längsachse |
| Strahlengang | An die Froschbeinlagerung angepasste Projektion | Horizontaler Strahlengang |
| Foramen obturatum | Häufig grossflächig sichtbar | Häufig weniger vollständig dargestellt |
| Sitzbeinregion | Weniger dominant | Tuber ischiadicum und Sitzbeinregion häufig prominenter |
| Sicheres Einzelzeichen | Nein. Die Gesamtkonfiguration und die dokumentierte Lagerung sind entscheidend. | |
Lauenstein und Sven Johansson im direkten Vergleich
| Merkmal | Lauenstein | Sven Johansson |
|---|---|---|
| Primäres Einsatzgebiet | Elektive orthopädische und pädiatrische Diagnostik | Akute Traumadiagnostik |
| Lagerung | Hüfte flektiert, abduziert und aussenrotiert | Verletzte Hüfte möglichst gestreckt und unbewegt |
| Besonders gut beurteilbar | Femurkopf, Epiphysenregion und Kopf-Hals-Übergang | Schenkelhals, Trochanterregion und Frakturdislokation |
| Wichtigster Vorteil | Gute Darstellung des proximalen Femurs bei elektiven Fragestellungen | Keine wesentliche Bewegung der verletzten Hüfte erforderlich |
| Wichtigste Einschränkung | Nicht für akute Fraktur- oder Luxationsfragestellungen geeignet | Technisch anspruchsvoller und stärker von der Weichteildicke abhängig |
| Typische Patientengruppe | Kinder, Jugendliche und Erwachsene ohne akutes Trauma | Patientinnen und Patienten nach Trauma oder mit akutem Frakturverdacht |
Wann reicht das konventionelle Röntgen aus?
Die konventionelle Radiographie bleibt bei vielen Erkrankungen und Verletzungen des Hüftgelenks die geeignete Basisdiagnostik. Sie ist rasch verfügbar und zeigt die knöcherne Anatomie in standardisierten Projektionen. Ausserdem ermöglicht sie gut vergleichbare Verlaufskontrollen.
Typische Fragestellungen für das Röntgen sind:
- Coxarthrose
- Hüftdysplasie
- knöcherne Formvarianten des proximalen Femurs
- Morbus Perthes
- Epiphysiolysis capitis femoris
- offensichtliche proximale Femurfrakturen
- Hüftluxationen
- postoperative Verlaufskontrollen
Bei akutem Hüftschmerz nach einem Trauma ist die konventionelle Radiographie in der Regel die initiale Bildgebung. Bleiben die Aufnahmen jedoch negativ oder nicht eindeutig, obwohl klinisch weiterhin ein begründeter Frakturverdacht besteht, ist eine weiterführende Schnittbilddiagnostik erforderlich.
Wann ist eine Computertomographie sinnvoll?
Die Computertomographie ermöglicht eine überlagerungsfreie Darstellung der kortikalen Knochenstrukturen. Multiplanare Rekonstruktionen zeigen deshalb Frakturlinien, Stufenbildungen, Impressionen und knöcherne Fragmente wesentlich detaillierter als konventionelle Röntgenaufnahmen.
Typische CT-Indikationen
- komplexe Azetabulumfraktur
- Hüftkopf- oder Luxationsfraktur
- unklare Frakturmorphologie im Röntgenbild
- präoperative Planung
- Beurteilung intraartikulärer Fragmente
- Kontrolle nach Reposition einer traumatischen Hüftluxation
- Verdacht auf eine okkulte Fraktur, wenn eine MRI nicht zeitnah verfügbar oder kontraindiziert ist
Eine eindeutig erkennbare, unkomplizierte proximale Femurfraktur benötigt jedoch nicht in jedem Fall eine zusätzliche CT. Die Untersuchung sollte insbesondere dann durchgeführt werden, wenn das Ergebnis die Klassifikation, Therapieentscheidung oder Operationsplanung beeinflusst.
Wann ist eine MRI die bessere Alternative?
Die MRI arbeitet ohne ionisierende Strahlung. Neben der Kortikalis zeigt sie auch Knochenmark, Knorpel, Labrum, Gelenkerguss, Muskeln, Sehnen und periartikuläre Weichteile. Sie ist deshalb besonders wertvoll, wenn die Röntgenaufnahmen die klinischen Beschwerden nicht ausreichend erklären.
Typische MRI-Indikationen
- radiologisch okkulte Schenkelhalsfraktur
- Insuffizienz- oder Stressfraktur
- frühe Hüftkopfnekrose
- Knochenmarködem oder Stressreaktion
- Labrum- und Knorpelschäden
- Sehnen- und Muskelverletzungen
- unklare Hüftschmerzen bei unauffälligem Röntgenbefund
- entzündliche oder infektiöse Veränderungen
Bei einer frühen Hüftkopfnekrose können sowohl die a.-p. als auch die axiale Röntgenaufnahme noch unauffällig sein. Besteht klinisch dennoch ein begründeter Verdacht, darf aus einem normalen Röntgenbefund keine sichere Entwarnung abgeleitet werden. Die MRI ist für die Erkennung früher Veränderungen deutlich empfindlicher.
Welche Untersuchung bei welcher Fragestellung?
| Fragestellung | Initiale Bildgebung | Weiterführende Bildgebung |
|---|---|---|
| Coxarthrose | Becken oder Hüfte a.-p., je nach Fragestellung ergänzt durch eine zweite Ebene | MRI bei unklaren Beschwerden oder vermuteter Weichteilpathologie |
| Morbus Perthes | Becken a.-p. und standardisierte Froschbeinaufnahme | MRI bei früher Erkrankung oder spezieller Fragestellung |
| Epiphysiolysis capitis femoris | Becken a.-p. und geeignete seitliche Projektion unter Berücksichtigung der klinischen Stabilität | MRI bei klinischem Verdacht und noch unauffälligem Röntgenbild |
| Cam-Morphologie | Standardisierte Röntgenprojektionen einschliesslich einer geeigneten axialen oder schrägen Aufnahme | MRI oder CT bei komplexer morphologischer oder präoperativer Fragestellung |
| Akute proximale Femurfraktur | Becken oder Hüfte a.-p. und Sven Johansson beziehungsweise Cross-table lateral | CT oder MRI bei negativem oder unklarem Röntgenbefund |
| Azetabulumfraktur | Beckenübersicht und gegebenenfalls gezielte Zusatzprojektionen | CT zur Beurteilung der Frakturmorphologie und Therapieplanung |
| Hüftluxation | Röntgen ohne unnötige Bewegung der verletzten Hüfte | CT nach Reposition bei Verdacht auf Fraktur oder intraartikuläre Fragmente |
| Okkulte Fraktur | Konventionelles Röntgen | MRI bevorzugt; CT als rasch verfügbare Alternative |
| Frühe Hüftkopfnekrose | Röntgen als Basisuntersuchung | MRI |
Strahlenexposition der verschiedenen Verfahren
Warum unterscheiden sich publizierte Dosisangaben?
In älteren Lehrbüchern zur Röntgeneinstelltechnik finden sich für einzelne Hüftprojektionen teilweise effektive Dosen von etwa 1 bis über 2 mSv. Solche Werte lassen sich jedoch nicht direkt auf moderne digitale Röntgensysteme übertragen. Detektortechnik, Belichtungsautomatik, Filterung, Raster, Einblendung und Methoden der Dosisberechnung haben sich erheblich verändert.
Auch aktuelle Publikationen zeigen deshalb keine universell gültige Dosis für eine bestimmte Projektion. Die individuelle Exposition hängt unter anderem von Patientendicke, Gerät, Aufnahmetechnik, Einblendung, Rastereinsatz und der Notwendigkeit von Wiederholungsaufnahmen ab.
Welche Grössenordnungen werden heute publiziert?
Eine 2024 publizierte Untersuchung aus einem spezialisierten Zentrum berichtete bei den einzelnen Hüftprojektionen mittlere effektive Dosen von ungefähr 0,02 bis 0,03 mSv. Die Autoren dokumentierten für die gesamte untersuchte Gruppe einzelner Hüftröntgenaufnahmen jedoch eine Spannweite von 0,03 bis 0,83 mSv.
Eine andere Untersuchung ermittelte dagegen für die Cross-table-Projektion eine mittlere effektive Dosis von 0,83 mSv und für eine einzelne Froschbeinaufnahme 0,22 mSv. Die Werte zeigen daher, wie stark die Exposition von Technik und Untersuchungsbedingungen abhängen kann.
| Untersuchung | Publizierte Grössenordnung | Praktische Einordnung |
|---|---|---|
| Hüfte a.-p. | Bei moderner Technik häufig wenige Hundertstel bis wenige Zehntel mSv | Die Dosis hängt unter anderem von Feldgrösse, Patientendicke und Aufnahmetechnik ab |
| Lauenstein beziehungsweise Frog-leg lateral | In publizierten Untersuchungen etwa 0,03 bis 0,22 mSv als Mittelwert unterschiedlicher Kollektive | Bei moderner optimierter Technik häufig niedrige Exposition |
| Sven Johansson beziehungsweise Cross-table lateral | In publizierten Untersuchungen etwa 0,03 bis 0,83 mSv als Mittelwert unterschiedlicher Kollektive | Stark abhängig von Weichteildicke, Raster, Belichtungsparametern und Wiederholungsaufnahmen |
| Low-dose-CT der Hüfte | Je nach Protokoll etwa 0,2 bis 3 mSv | Moderne Ultra-low-dose-Protokolle können die Exposition deutlich reduzieren |
| Konventionelle CT der Hüfte oder des Beckens | Je nach Scanlänge und Protokoll mehrere mSv möglich | Höhere Exposition als bei einzelnen Röntgenaufnahmen, aber wesentlich höherer Informationsgehalt bei komplexen Frakturen |
| MRI | 0 mSv | Keine ionisierende Strahlung |
Die genannten Werte dürfen deshalb nicht als feste Dosisangaben für eine einzelne Patientin oder einen einzelnen Patienten verstanden werden. Für die lokale Qualitätssicherung sind vielmehr das dokumentierte Dosisflächenprodukt, die verwendeten Expositionsparameter und die geltenden diagnostischen Referenzwerte massgebend.
Warum kann Sven Johansson dosisintensiver sein?
- längerer Strahlenweg durch die Weichteile
- häufig erforderlicher Rastereinsatz
- höhere Expositionsparameter bei grosser Weichteildicke
- technisch anspruchsvollere Zentrierung
- mögliche Wiederholungsaufnahmen bei unzureichender Bildqualität
Bei sorgfältig optimierter moderner digitaler Technik muss die Cross-table-Aufnahme dennoch nicht zwangsläufig wesentlich dosisintensiver als eine Froschbeinaufnahme sein. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Projektionen liegt primär in der Indikation und in der Lagerung, nicht in einem konstanten Dosisfaktor.
Typische Fehler im klinischen Alltag
- Bei akutem Frakturverdacht unkritisch eine Lauenstein-Aufnahme anzufordern
- Den Sammelbegriff „Hüftgelenk axial“ ohne klinische Fragestellung zu verwenden
- Eine okkulte Schenkelhalsfraktur aufgrund eines unauffälligen Röntgenbefunds auszuschliessen
- Bei fortbestehendem klinischem Frakturverdacht keine CT oder MRI zu veranlassen
- Bei Verdacht auf eine frühe Hüftkopfnekrose allein auf das Röntgen zu vertrauen
- Bei komplexer Azetabulum- oder Hüftkopffraktur auf eine CT zu verzichten
- Bei möglicherweise instabiler Epiphysiolyse eine forcierte Froschbeinlagerung durchzuführen
- Das sichtbare Foramen obturatum oder Tuber ischiadicum als allein sicheres Zuordnungskriterium zu betrachten
Praktische Empfehlung für die Anmeldung
Eine präzise klinische Fragestellung erleichtert der Radiologie-Fachperson die Wahl der geeigneten Projektion. Statt lediglich „Hüfte axial“ anzufordern, sollte die Anmeldung deshalb den klinischen Kontext und insbesondere einen möglichen Traumamechanismus enthalten.
Beispiel einer elektiven Fragestellung: Seit mehreren Monaten belastungsabhängige Hüftschmerzen. Verdacht auf Cam-Morphologie. Beurteilung des femoralen Kopf-Hals-Übergangs.
Beispiel einer traumatologischen Fragestellung: Sturz auf die rechte Hüfte, Belastung nicht möglich. Verdacht auf proximale Femurfraktur. Betroffene Hüfte möglichst nicht bewegen.
Fazit
Die Aufnahmen nach Lauenstein und Sven Johansson sind keine austauschbaren Varianten derselben Untersuchung. Die Lauenstein-Aufnahme eignet sich primär für elektive orthopädische und pädiatrische Fragestellungen. Sie ermöglicht eine gute Darstellung von Femurkopf, Epiphysenregion und Kopf-Hals-Übergang. Allerdings erfordert sie eine deutliche Bewegung des Hüftgelenks.
Die Aufnahme nach Sven Johansson ist dagegen die geeignete axiale Projektion bei einer akuten Traumafragestellung. Das möglicherweise verletzte Bein kann weitgehend gestreckt und unbewegt bleiben. Die Untersuchung ist jedoch technisch anspruchsvoller und kann abhängig von Weichteildicke und Aufnahmetechnik eine höhere Strahlenexposition verursachen.
Bei komplexen Frakturen liefert die CT eine präzise Darstellung der knöchernen Morphologie. Bei radiologisch okkulten Frakturen, früher Hüftkopfnekrose oder Weichteilfragestellungen ist dagegen die MRI häufig überlegen. Entscheidend ist daher nicht die routinemässige Wahl einer bestimmten Projektion, sondern die konsequente Anpassung der Bildgebung an die klinische Fragestellung.
Die wichtigste Botschaft: Elektive orthopädische Fragestellung ohne akutes Trauma – an Lauenstein denken. Akuter Fraktur- oder Luxationsverdacht – die betroffene Hüfte nicht bewegen und Sven Johansson beziehungsweise Cross-table lateral wählen.
Häufige Fragen
Ist jede axiale Hüftaufnahme eine Lauenstein-Aufnahme?
Nein. „Hüftgelenk axial“ ist ein Sammelbegriff. Je nach Lagerung und Strahlengang kann damit eine Lauenstein-Aufnahme oder eine Cross-table-Projektion nach Sven Johansson gemeint sein.
Ist das sichtbare Foramen obturatum ein sicherer Beweis für eine Lauenstein-Aufnahme?
Nein. Ein weit dargestelltes Foramen obturatum ist zwar ein hilfreiches Indiz, hängt jedoch auch von Beckenkippung, Rotation, Zentrierung und Einblendung ab. Entscheidend ist deshalb die Gesamtkonfiguration der Aufnahme.
Ist das sichtbare Tuber ischiadicum ein sicherer Beweis für Sven Johansson?
Nein. Die prominente Darstellung der Sitzbeinregion ist typisch, aber ebenfalls kein absolut sicheres Einzelkriterium. Die neutrale Stellung des betroffenen Femurs und der horizontale Strahlengang sind daher wichtiger.
Darf bei Verdacht auf eine Schenkelhalsfraktur eine Lauenstein-Aufnahme angefertigt werden?
Im Regelfall sollte darauf verzichtet werden. Die erforderliche Flexion, Abduktion und Aussenrotation kann Schmerzen verstärken und eine instabile Fraktur ungünstig beeinflussen. Die Cross-table-Projektion ist deshalb geeigneter.
Was folgt bei negativem Röntgen und weiter bestehendem Frakturverdacht?
Bei fortbestehendem klinischem Verdacht ist eine weiterführende Bildgebung erforderlich. Die MRI ist besonders sensitiv für Knochenmarködem und diskrete Frakturen. Eine CT ist dagegen eine rasch verfügbare Alternative und zeigt kortikale Frakturen sehr gut.
Ist die Dosis nach Sven Johansson immer höher als nach Lauenstein?
Nein. Aufgrund des längeren Strahlenwegs und der technisch schwierigeren Einstellung kann sie deutlich höher sein. Bei optimierter moderner Technik wurden jedoch auch vergleichbare effektive Dosen gemessen.
Welche Methode ist bei früher Hüftkopfnekrose am empfindlichsten?
Die MRI. Frühstadien einer Hüftkopfnekrose können im konventionellen Röntgen noch unauffällig sein. Deshalb ist bei entsprechendem klinischem Verdacht eine weiterführende MRI-Diagnostik erforderlich.
Literatur
- Mayne AIW, Gosling L, Wall P, et al. Quantifying radiation exposure in the radiological investigation of non-arthritic hip pain. J Hip Preserv Surg. 2024;11(3):187–191. doi:10.1093/jhps/hnae013.
- Young M, Dempsey M, De La Rocha A, et al. The cross-table lateral radiograph results in a significantly increased effective radiation dose compared with the Dunn and single frog lateral radiographs. J Pediatr Orthop. 2015;35(2):157–161. doi:10.1097/BPO.0000000000000235.
- Su AW, Hillen TJ, Eutsler EP, et al. Low-dose computed tomography reduces radiation exposure by ninety percent compared with traditional computed tomography among patients undergoing hip-preservation surgery. Arthroscopy. 2019;35(5):1385–1392. doi:10.1016/j.arthro.2018.11.056.
- Bartolotta RJ, Ha AS, Bateni CP, et al. ACR Appropriateness Criteria® Acute Hip Pain. American College of Radiology.
- Kellock TT, Khurana B, Mandell JC. Diagnostic performance of CT for occult proximal femoral fractures: a systematic review and meta-analysis. AJR Am J Roentgenol. 2019;213(6):1324–1330. doi:10.2214/AJR.19.21510.
- Wilson MP, Nobbee D, Murad MH, et al. Diagnostic accuracy of limited MRI protocols for detecting radiographically occult hip fractures: a systematic review and meta-analysis. AJR Am J Roentgenol. 2020;215(3):559–567. doi:10.2214/AJR.19.22427.
- Ha AS, Chang EY, Bartolotta RJ, et al. ACR Appropriateness Criteria® Osteonecrosis: 2022 Update. J Am Coll Radiol. 2022;19(11S):S409–S416. doi:10.1016/j.jacr.2022.09.009.
- Bomer J, Klerx-Melis F, Holscher HC. Painful paediatric hip: frog-leg lateral view only! Eur Radiol. 2014;24(3):703–708. doi:10.1007/s00330-013-3054-4.
- Albers CE, Wambeek N, Hanke MS, Schmaranzer F, Prosser GH, Yates PJ. Imaging of femoroacetabular impingement – current concepts. J Hip Preserv Surg. 2016;3(4):245–261. doi:10.1093/jhps/hnw035.
Dieser Beitrag dient der medizinischen Fortbildung. Die konkrete Wahl des Untersuchungsverfahrens richtet sich nach der klinischen Situation, den lokalen Standards, der Verfügbarkeit und der individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung.




