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AP-Beckenübersichtsaufnahme zur Beurteilung der Pfannenversion des Hüftgelenks. Darstellung von Anteversion, Retroversion sowie Cross-over- und Posterior-wall-Zeichen.

Pfannenversion des Hüftgelenks im Röntgen erkennen

Die Pfannenversion des Hüftgelenks beschreibt die räumliche Ausrichtung des Acetabulums nach ventral oder dorsal. Sie beeinflusst die knöcherne Überdachung des Femurkopfes, den Bewegungsumfang und die Stabilität des Hüftgelenks.

Abweichungen der Pfannenversion können lange unbemerkt bleiben. Bei entsprechender Ausprägung können sie jedoch ein femoroacetabuläres Impingement, eine Hüftinstabilität oder präarthrotische Veränderungen begünstigen.

Auf welcher Röntgenaufnahme wird die Pfannenversion beurteilt?

Die orientierende Beurteilung erfolgt auf einer standardisierten Beckenübersichtsaufnahme in AP-Projektion. Eine isolierte AP-Aufnahme des Hüftgelenks ist dafür weniger geeignet, da Zentrierung und Projektion die Darstellung der Pfannenränder verändern können.

Vor der Beurteilung sollte geprüft werden, ob das Becken ausreichend symmetrisch dargestellt ist. Dabei ist insbesondere auf folgende Kriterien zu achten:

  • weitgehend symmetrische Foramina obturatoria,
  • symmetrische Darstellung der Darmbeinschaufeln,
  • keine relevante seitliche Rotation des Beckens,
  • keine ausgeprägte Verkippung des Beckens.

Bereits eine fehlerhafte Beckenrotation oder Beckenkippung kann den Verlauf der Pfannenränder verändern und dadurch ein Cross-over- oder Posterior-wall-Zeichen vortäuschen beziehungsweise verdecken.

Vorderer und hinterer Pfannenrand

Auf der Beckenübersichtsaufnahme lassen sich der vordere und der hintere Pfannenrand als bogenförmige Linien verfolgen.

Bei regelrechter Anteversion verläuft der vordere Pfannenrand im Wesentlichen medial des hinteren Pfannenrandes. Beide Linien treffen sich erst am kranialen beziehungsweise lateralen Pfannenrand.

Der Abstand zwischen den beiden Pfannenrändern auf Höhe des Femurkopfzentrums kann als orientierender Hinweis auf die Pfannenversion verwendet werden. Ein Abstand von ungefähr 1,5 cm wird in der konventionellen Messmethodik häufig als Orientierungswert angegeben. Der Messwert ist jedoch von Körpergrösse, Projektion und Vergrösserung abhängig und sollte deshalb nicht isoliert interpretiert werden.

Normale und vermehrte Anteversion

Bei einer normalen acetabulären Anteversion besteht eine ausgewogene ventrale und dorsale knöcherne Überdachung des Femurkopfes.

Der Begriff „Anteversion“ beschreibt die Ausrichtung der Pfannenöffnung und nicht die Richtung der knöchernen Überdachung des Femurkopfes. Die Anteversion gibt also an, wohin die Öffnung der Hüftpfanne zeigt. Je weiter die Pfannenöffnung nach vorne gerichtet ist, desto geringer ist die ventrale und desto grösser die dorsale knöcherne Überdachung des Femurkopfes.

In der AP-Beckenübersichtsaufnahme zeigt sich dies durch einen grösseren Abstand zwischen vorderem und hinterem Pfannenrand. Gleichzeitig nimmt die ventrale knöcherne Überdachung des Femurkopfes ab, während die dorsale Überdachung zunimmt.

Eine ausgeprägte Anteversion kann deshalb eine Hüftinstabilität begünstigen und gilt als möglicher anatomischer Risikofaktor für traumatische Hüftgelenksluxationen. Sie ist jedoch in der Regel nicht die alleinige Ursache einer Luxation.

💡 Merke:
Der Begriff Anteversion bezieht sich auf die Richtung der Pfannenöffnung, nicht auf die knöcherne Überdachung des Femurkopfes.
Mit zunehmender Anteversion nimmt die ventrale Überdachung des Femurkopfes ab und die dorsale Überdachung zu. Bei der acetabulären Retroversion verhält es sich genau umgekehrt.

Klinische Bedeutung der Pfannenversion

Pfannenversion Röntgenbild Ventral Dorsal Klinik
Vermehrte Anteversion > 1,5 cm Instabilität, selten Luxation
Normale Anteversion ca. 1,5 cm Ausgewogen Ausgewogen Physiologisch
Retroversion < 1,5 cm
≈ 0 cm = Cross-over
Pincer-Impingement

Fallbeispiel: Seitendifferenz der Pfannenversion

In der dargestellten Beckenübersichtsaufnahme eines 24-jährigen Patienten beträgt der Abstand zwischen vorderem und hinterem Pfannenrand rechts etwa 2,14 cm, links dagegen etwa 1,38 cm.

Der grössere Abstand rechts spricht im Seitenvergleich für eine vermehrte acetabuläre Anteversion. Auf dieser Seite bestand anamnestisch eine traumatische Hüftgelenksluxation. Die vermehrte Anteversion kann dabei als zusätzlicher prädisponierender Faktor diskutiert werden, beweist jedoch keinen ursächlichen Zusammenhang.

AP-Beckenübersichtsaufnahme zur orientierenden Beurteilung der Pfannenversion des Hüftgelenks. AP-Beckenübersichtsaufnahme mit Markierung des vorderen und hinteren Pfannenrandes zur Beurteilung der acetabulären Anteversion.

🟢 Grüne Linie = Abstand zwischen vorderem und hinterem Pfannenrand  🔴 Rote Linie = Hinterer Pfannenrand 🟡 Gelbe Linie = Vorderer Pfannenrand

Acetabuläre Retroversion

Bei einer acetabulären Retroversion ist die Hüftpfanne im Vergleich zur normalen Anatomie vermehrt nach dorsal orientiert. In der konventionellen AP-Beckenübersichtsaufnahme nimmt dabei der Abstand zwischen vorderem und hinterem Pfannenrand ab.

Bei stärker ausgeprägter Retroversion können sich die Konturen des vorderen und hinteren Pfannenrandes überkreuzen. Dieses Röntgenzeichen wird als Cross-over-Zeichen oder Propellerzeichen bezeichnet.

Durch die vermehrte ventrale Überdachung des Femurkopfes kann es bei Flexion und Innenrotation zu einem frühzeitigen knöchernen Kontakt zwischen dem Femurkopf-Hals-Übergang und dem vorderen Pfannenrand kommen. Dies entspricht dem Mechanismus eines Pincer-Impingements.

💡 Merke:
Vermehrte Anteversion → grösserer Abstand zwischen vorderem und hinterem Pfannenrand.
Retroversion → kleiner werdender Abstand bis hin zum Cross-over-Zeichen.

Cross-over-Zeichen oder Propellerzeichen

Bei normaler Pfannenversion verläuft der vordere Pfannenrand medial des hinteren Pfannenrandes.

Kreuzen sich beide Linien bereits unterhalb des oberen Pfannenrandes, liegt ein Cross-over-Zeichen vor. Dieses wird im deutschsprachigen Raum auch als Propellerzeichen bezeichnet und gilt als Hinweis auf eine fokale oder globale acetabuläre Retroversion.

Ein isoliertes Cross-over-Zeichen ist jedoch nicht beweisend. Es kann unter anderem durch Beckenrotation, Beckenkippung oder eine prominente Spina iliaca anterior inferior beeinflusst werden.

Posterior-wall-Zeichen

Für die Beurteilung des Posterior-wall-Zeichens wird zunächst das Zentrum des Femurkopfes bestimmt. Der in der Abbildung eingezeichnete Kreis dient der Ermittlung dieses Mittelpunkts.

Bei regelrechter dorsaler Überdachung verläuft der hintere Pfannenrand lateral des Femurkopfzentrums.

Projiziert sich der hintere Pfannenrand dagegen medial des Femurkopfzentrums, ist das Posterior-wall-Zeichen positiv. Dies spricht für eine verminderte dorsale Überdachung und unterstützt den Verdacht auf eine acetabuläre Retroversion.

Grenzen der konventionellen Röntgendiagnostik

Die Beckenübersichtsaufnahme ermöglicht eine wichtige orientierende Beurteilung der Pfannenversion. Sie bildet die dreidimensionale Orientierung des Acetabulums jedoch nur zweidimensional ab.

Bei klinisch relevanten Beschwerden, widersprüchlichen Röntgenzeichen oder vor einer operativen Therapie kann eine weiterführende CT- oder MRT-Untersuchung erforderlich sein. Diese erlaubt eine genauere Bestimmung der acetabulären Version und die zusätzliche Beurteilung von Labrum, Knorpel und angrenzenden Weichteilen.

Fazit

Die Pfannenversion des Hüftgelenks lässt sich auf einer korrekt eingestellten AP-Beckenübersichtsaufnahme orientierend beurteilen. Entscheidend sind der Verlauf des vorderen und hinteren Pfannenrandes sowie Cross-over-, Posterior-wall- und Ischial-spine-Zeichen.

Ein einzelnes Röntgenzeichen sollte nie isoliert bewertet werden. Erst die Kombination aus korrekter Aufnahmetechnik, mehreren radiologischen Kriterien und klinischem Befund ermöglicht eine zuverlässige Einordnung.

💡 Merke

  • Vermehrte Anteversion: grösserer Abstand der Pfannenränder und verminderte ventrale Überdachung.
  • Cross-over-Zeichen: vorderer und hinterer Pfannenrand überkreuzen sich – Hinweis auf Retroversion.
  • Posterior-wall-Zeichen: hinterer Pfannenrand liegt medial des Femurkopfzentrums – Hinweis auf verminderte dorsale Überdachung.
  • Aufnahmetechnik: Rotation und Verkippung des Beckens können alle Zeichen verfälschen.

Literatur

  • Hellinger J. Messmethoden in der Skelettradiologie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag.
  • Direito-Santos B, França G, Nunes J et al. Acetabular retroversion: Diagnosis and treatment. EFORT Open Reviews. 2018;3:595–603.
  • Kappe T, Kocak T, Reichel H et al. Reliability of radiographic signs for acetabular retroversion. International Orthopaedics. 2011;35:817–821.
  • Kalberer F, Sierra RJ, Madan SS et al. Ischial spine projection into the pelvis: A new sign for acetabular retroversion. Clinical Orthopaedics and Related Research. 2008;466:677–683.
  • Zaltz I, Kelly BT, Hetsroni I et al. The crossover sign overestimates acetabular retroversion. Clinical Orthopaedics and Related Research. 2013;471:2463–2470.
  • Werner CML, Copeland CE, Ruckstuhl T et al. Radiographic markers of acetabular retroversion: Correlation of the cross-over sign, ischial spine sign and posterior wall sign. Acta Orthopaedica Belgica. 2010;76:166–173.
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