Akzessorische Knöchelchen – klinisch relevant?

Akzessorische Knöchelchen (Ossa accessoria) sind häufige anatomische Varianten, die vor allem im Bereich von Handgelenkes, Fuss und oberem Sprunggelenks auftreten. Sie stellen eine regelmässige diagnostische Herausforderung dar, da sie im konventionellen Röntgen leicht mit Frakturen verwechselt werden können. Gleichzeitig können akzessorische Knöchelchen selbst klinisch relevant werden, wenn entzündliche oder degenerative Veränderungen auftreten.
Ziel dieses Beitrags ist es, eine praxisnahe Orientierung zu geben, wie akzessorische Knöchelchen im Röntgen erkannt, von Frakturen abgegrenzt und hinsichtlich ihrer klinischen Bedeutung richtig eingeschätzt werden können.

Was sind akzessorische Knöchelchen?
Akzessorische Knöchelchen entstehen durch nicht fusionierte Ossifikationszentren und sind in der Regel angeboren. Sie sind meist zufällige Nebenbefunde und verursachen keine Beschwerden. Häufige Lokalisationen sind das Os naviculare, der Talushinterrand (Os trigonum) oder der laterale Fussrand.
Entscheidend ist, dass akzessorische Knöchelchen keine pathologischen Strukturen per se sind. Ihre klinische Relevanz ergibt sich erst aus begleitenden Veränderungen oder aus der Symptomatik der Patientin oder des Patienten.
Akzessorisches Knöchelchen oder Fraktur?
Typische Röntgenmerkmale akzessorischer Knöchelchen
- glatt und vollständig durch eine feine Kortikalis begrenzt
- runde oder ovale Form
- typische, bekannte Lokalisation
- häufig bilaterales Auftreten
Röntgenzeichen einer Fraktur
- scharf begrenzte Frakturlinie ohne Kortikalis der Frakturflächen
- irreguläre Fragmentkonturen
- Begleitzeichen wie Weichteilschwellung
Die sichere Unterscheidung ist besonders im posttraumatischen Kontext entscheidend, um unnötige Immobilisationen oder Fehldiagnosen zu vermeiden.
Entzündliche Veränderungen der Kortikalis
Akzessorische Knöchelchen können entzündlich aktiviert sein, insbesondere bei Überlastung oder mechanischer Reizung der Verbindung zum angrenzenden Knochen. Diese Veränderungen sind häufig bereits im konventionellen Röntgen erkennbar.
- lokale Entkalkung der angrenzenden Kortikalis
- unscharfe oder irreguläre Kortikalisbegrenzung
- Aufhebung der klaren Kortikalislinie an der Kontaktzone
Solche Befunde sprechen für eine aktive Reizung oder Osteitis und sollten nicht als harmlose Normvariante interpretiert werden. In diesen Fällen ist eine weiterführende Abklärung, insbesondere mittels MRT, sinnvoll.
Degenerative Veränderungen akzessorischer Knöchelchen
Bei chronischer mechanischer Belastung können degenerative Umbauprozesse auftreten. Diese sind ebenfalls im Röntgen darstellbar und haben eine hohe klinische Relevanz.
- Kortikalisverdickung an der Kontaktzone
- subchondrale Sklerosierung
- Osteophytenbildung
- unregelmässige Konturen der Synchondrose
Degenerative Veränderungen weisen auf eine länger bestehende mechanische Problematik hin, etwa im Rahmen eines Impingements oder einer chronischen Überlastung.

Wann ist weiterführende Bildgebung sinnvoll?
Eine weiterführende Bildgebung sollte erwogen werden bei:
- persistierenden Schmerzen trotz unauffälligem Röntgen
- entzündlichen Kortikalisveränderungen
- unklarer Abgrenzung zur Fraktur
Das MRT erlaubt die Beurteilung von Knochenmarködem, Synchondrosenreaktionen und begleitenden Sehnenpathologien.
Fazit
Akzessorische Knöchelchen sind häufige Normvarianten, können jedoch klinisch relevant werden. Das konventionelle Röntgen liefert entscheidende Hinweise zur Unterscheidung von Frakturen sowie zum Nachweis entzündlicher und degenerativer Veränderungen der Kortikalis. Eine sorgfältige Beurteilung der Kortikalis ist dabei zentral. Bei unklaren oder symptomatischen Befunden sollte frühzeitig eine weiterführende Bildgebung erfolgen.
Literatur (Auswahl)
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