Die Unterscheidung zwischen Ileus, Subileus und Koprostase im Abdomenröntgen gehört zu den häufigen, zugleich aber anspruchsvollen Aufgaben der konventionellen Radiologie. Erweiterte Darmschlingen, Luft-Flüssigkeitsspiegel und vermehrter Stuhlinhalt sind leicht erkennbare Befunde, erlauben jedoch für sich allein noch keine zuverlässige Diagnose. Entscheidend ist, welche Darmabschnitte betroffen sind, wie sich Gas und Darminhalt verteilen und ob Hinweise auf eine mechanische Passagebehinderung bestehen.
Die Abdomenübersichtsaufnahme kann charakteristische Obstruktionsmuster zeigen, ihre Aussagekraft ist insbesondere bei inkompletten oder frühen Obstruktionen jedoch begrenzt. Die Computertomographie (CT) ermöglicht eine wesentlich zuverlässigere Beurteilung der Obstruktionshöhe, möglicher Ursachen und Komplikationen. Der praktische Wert der konventionellen Radiographie liegt deshalb vor allem darin, auffällige Darmgasmuster korrekt zu erkennen, ihre diagnostische Bedeutung nicht zu überschätzen und die Notwendigkeit weiterführender Bildgebung einzuschätzen.
Inhaltsverzeichnis
- Ileus, Subileus und Koprostase: Begriffe und Abgrenzung
- Untersuchungstechnik und Projektionen
- Systematische Analyse der Darmgasverteilung
- Mechanischer Dünndarmileus
- Mechanischer Dickdarmileus
- Funktioneller Ileus und Pseudoobstruktion
- Subileus und inkomplette Obstruktion
- Koprostase und fäkale Impaktion
- Radiologische Differenzialdiagnose
- Radiologische Fallstricke und Komplikationszeichen
- Befundformulierung und klinische Konsequenzen
- Weiterführende Diagnostik
- Fazit
- Literatur
Ileus, Subileus und Koprostase: Begriffe und Abgrenzung
Die drei Begriffe beschreiben unterschiedliche pathophysiologische beziehungsweise morphologische Sachverhalte. Ihre Gleichsetzung führt insbesondere bei der Interpretation von Abdomenübersichtsaufnahmen zu diagnostischen Fehlern.
| Begriff | Bedeutung | Radiologische Konsequenz |
|---|---|---|
| Mechanischer Ileus | Hochgradige oder vollständige Passagebehinderung durch ein mechanisches Hindernis | Häufig prästenotische Dilatation mit relativ geringer distaler Gasfüllung |
| Funktioneller Ileus | Gestörte Darmmotilität ohne mechanisches Hindernis | Häufig ausgedehnte Gasfüllung und Dilatation mehrerer Darmabschnitte |
| Subileus | Klinisch gebräuchliche Bezeichnung für eine unvollständige oder noch nicht hochgradige Passagestörung | Radiographische Veränderungen können gering ausgeprägt oder unspezifisch sein |
| Koprostase | Vermehrte Retention von Stuhl im Kolon | Stuhltypisches Mischmuster; keine eigenständige Aussage über eine mechanische Obstruktion |
Der Begriff Subileus ist nicht durch einen allgemein anerkannten radiographischen Schwellenwert definiert. Insbesondere lässt sich der Grad einer mechanischen Obstruktion nicht allein anhand des Durchmessers dilatierter Darmschlingen festlegen. Eine ausgeprägte Darmdilatation kann auch bei funktionellen Motilitätsstörungen auftreten, während eine relevante mechanische Obstruktion anfangs nur geringe Veränderungen verursacht.
Untersuchungstechnik und Projektionen
Die Untersuchungstechnik beeinflusst wesentlich, welche Obstruktionszeichen sichtbar werden. Eine Aufnahme in Rückenlage eignet sich besonders zur Beurteilung von Darmkaliber und Gasverteilung. Aufnahmen mit horizontalem Strahlengang ermöglichen zusätzlich den Nachweis von Luft-Flüssigkeitsspiegeln.
| Projektion | Diagnostischer Schwerpunkt | Einschränkung |
|---|---|---|
| Rückenlage | Darmkaliber, Verteilung gasgefüllter Schlingen, Stuhlretention | Luft-Flüssigkeitsspiegel meist nicht ausreichend beurteilbar |
| Stehen mit horizontalem Strahlengang | Spiegelbildung und Verteilung von Gas und Flüssigkeit | Abhängig von ausreichender aufrechter Lagerung und anatomischer Abdeckung |
| Linksseitenlage mit horizontalem Strahlengang | Alternative bei fehlender Stehfähigkeit; Spiegelbildung und gegebenenfalls freie Luft | Lagerung und Bildausschnitt müssen zur Fragestellung passen |
Bei der Beurteilung ist zu berücksichtigen, dass flüssigkeitsgefüllte, gasarme Darmschlingen im Projektionsröntgen nur schlecht erkennbar sein können. Eine Aufnahme ohne deutlich dilatierte gasgefüllte Schlingen schliesst deshalb eine mechanische Obstruktion nicht aus.
Systematische Analyse der Darmgasverteilung
Vor der diagnostischen Einordnung sollten vier morphologische Merkmale systematisch analysiert werden: Lokalisation, Kaliber, Verteilung und distale Gasfüllung. Erst ihre Kombination erlaubt eine begründete Verdachtsdiagnose.
1. Welche Darmabschnitte sind erweitert?
Dünndarmschlingen liegen häufig zentral und zeigen bei ausreichender Gasfüllung Kerckring-Falten, die das gesamte Lumen durchziehen können. Das Kolon liegt häufig weiter peripher; seine Haustren reichen normalerweise nicht vollständig über die Darmlichtung. Bei starker Dilatation, fehlender Faltenzeichnung oder ungewöhnlicher Darmverlagerung ist die Zuordnung allein anhand der Lage jedoch unsicher.
2. Wie gross ist das Darmkaliber?
Die sogenannte 3-6-9-Regel dient als praktische Orientierung: Dünndarm etwa 3 cm, Kolon etwa 6 cm und Zökum etwa 9 cm. Diese Werte sind keine absoluten diagnostischen Grenzwerte. Entscheidend sind die betroffenen Darmabschnitte, die Gesamtkonstellation und gegebenenfalls die Veränderung gegenüber Voraufnahmen.

3. Wie verteilt sich das Gas?
Bei einer mechanischen Obstruktion kann sich Gas zusammen mit Flüssigkeit proximal des Hindernisses ansammeln. Die vorgeschalteten Darmschlingen erweitern sich, während distal gelegene Abschnitte weniger Gas enthalten können. Das Ausmass dieser Veränderungen hängt unter anderem von Obstruktionsgrad, Dauer, Sekretion, Motilität und bereits erfolgter Darmentleerung ab.
Eine diffuse Gasfüllung von Dünn- und Dickdarm spricht eher für eine generalisierte Motilitätsstörung, ist aber nicht beweisend. Umgekehrt können bei einer mechanischen Dickdarmobstruktion ebenfalls Dünndarmschlingen dilatieren, insbesondere wenn die Ileozökalklappe einen Rückfluss des Darminhalts zulässt.
4. Ist Gas im distalen Kolon und Rektum vorhanden?
Die distale Gasfüllung ist ein wichtiges, aber häufig überinterpretiertes Zeichen. Eine weitgehend gasleere distale Darmstrecke unterstützt bei entsprechender proximaler Dilatation den Verdacht auf eine höhergradige mechanische Obstruktion. Gas im Rektum schliesst eine partielle oder frühe mechanische Obstruktion jedoch nicht aus.
Mechanischer Dünndarmileus
Beim mechanischen Dünndarmileus führt ein Hindernis zu einer Ansammlung von Gas und Flüssigkeit im vorgeschalteten Darm. Typische Ursachen sind postoperative Adhäsionen, Hernien, Tumoren und entzündlich bedingte Stenosen. Die Abdomenübersichtsaufnahme kann das daraus entstehende Obstruktionsmuster zeigen, die Ursache jedoch meist nicht sicher bestimmen.
Dilatierte Dünndarmschlingen
Das wichtigste radiographische Zeichen sind erweiterte Dünndarmschlingen, häufig mit einem Durchmesser von mehr als etwa 3 cm. Die Schlingen können zentral liegen und bei ausgeprägter Gasfüllung parallel verlaufen. Sichtbare Kerckring-Falten ermöglichen ihre Identifikation als Dünndarm.
Mehrere nebeneinanderliegende erweiterte Dünndarmschlingen können ein leiterartiges Muster bilden. Dieses Erscheinungsbild entsteht durch die räumliche Anordnung dilatierter Schlingen und ist kein eigenständiger Nachweis eines bestimmten Obstruktionsmechanismus.
Luft-Flüssigkeitsspiegel
Bei aufrechter Lagerung sammelt sich Gas oberhalb des flüssigen Darminhalts. Dadurch entstehen horizontale Luft-Flüssigkeitsspiegel. Bei einem Dünndarmileus können mehrere Spiegel in erweiterten Schlingen auf unterschiedlichen Höhen sichtbar sein.
Eine ausgeprägte Spiegelbildung in Verbindung mit Dünndarmdilatation und verminderter distaler Gasfüllung unterstützt die Diagnose einer mechanischen Obstruktion. Einzelne Spiegel sind dagegen unspezifisch und können auch bei Durchfall, Gastroenteritis oder funktionellen Motilitätsstörungen auftreten.
Distaler Gasabbruch
Bei einer höhergradigen Dünndarmobstruktion kann das Kolon gasarm oder nahezu gasleer erscheinen. Dies erklärt sich dadurch, dass proximal des Hindernisses Gas und Flüssigkeit zurückgehalten werden, während distal gelegener Darminhalt teilweise noch ausgeschieden wird.
Der radiographische Gasabbruch entspricht jedoch nicht zwangsläufig der tatsächlichen mechanischen Übergangsstelle. Diese lässt sich in der CT anhand des Kaliberwechsels zwischen dilatierten und kollabierten Darmschlingen wesentlich zuverlässiger lokalisieren.
Die Bologna-Leitlinien der World Society of Emergency Surgery (WSES) betonen den begrenzten diagnostischen Wert konventioneller Abdomenaufnahmen bei adhäsionsbedingter Dünndarmobstruktion. Insbesondere erlauben sie keine zuverlässige Beurteilung einer Strangulation oder Darmischämie.
Mechanischer Dickdarmileus
Beim mechanischen Dickdarmileus befindet sich das Passagehindernis im Kolon. Häufige Ursachen sind stenosierende Kolonkarzinome und Volvuli. Das radiographische Erscheinungsbild hängt wesentlich von der Lokalisation der Obstruktion und der Funktion der Ileozökalklappe ab.
Prästenotische Kolondilatation
Bei einer distalen Kolonobstruktion können sich die vorgeschalteten Kolonabschnitte erweitern. Der Nachweis eines dilatierten Kolons mit geringer Gasfüllung distal der vermuteten Obstruktionsstelle ist verdächtig auf eine mechanische Passagebehinderung. Eine sichere Zuordnung der Ursache ist allein anhand der konventionellen Aufnahme häufig nicht möglich.
Bedeutung der Ileozökalklappe
Ist die Ileozökalklappe funktionell kompetent, kann bei einer distalen Kolonobstruktion ein geschlossener Darmabschnitt zwischen der Klappe und dem Hindernis entstehen. Das Kolon, insbesondere das Zökum, kann sich dann erheblich erweitern, während der Dünndarm vergleichsweise wenig dilatiert bleibt.
Bei einer insuffizienten Ileozökalklappe kann der Darminhalt dagegen in den Dünndarm zurückströmen. Dadurch entsteht eine kombinierte Dünn- und Dickdarmdilatation, die das radiographische Muster weniger eindeutig macht.
Zökumdilatation und Perforationsrisiko
Der Durchmesser des Zökums ist bei ausgeprägter Kolondilatation besonders relevant. Mit zunehmender Ausdehnung steigt das Risiko einer Wandischämie und Perforation. Ein Zökumdurchmesser von etwa 12 cm wird häufig als klinisch bedeutsame Risikoschwelle herangezogen, insbesondere bei anhaltender Dilatation. Die Beurteilung darf sich jedoch nicht auf einen einzelnen Messwert beschränken.
Die American Society for Gastrointestinal Endoscopy (ASGE) berücksichtigt bei der akuten kolonischen Pseudoobstruktion neben dem Zökumdurchmesser ausdrücklich klinische Zeichen und den zeitlichen Verlauf. Die dort genannten Schwellenwerte dürfen nicht unkritisch als alleinige Entscheidungsgrenzen für jede mechanische Dickdarmobstruktion übernommen werden.
Volvulus
Ein Volvulus kann charakteristische Konfigurationen stark dilatierter Darmschlingen verursachen. Beim Sigmavolvulus kann eine grosse, schleifenförmige gasgefüllte Struktur entstehen, deren aneinanderliegende Schenkel zur Torsionsregion konvergieren. Die häufig beschriebene Kaffeebohnenkonfiguration ergibt sich aus dieser besonderen Schlingenanordnung.
Das Zeichen ist nicht in jedem Fall vorhanden und nicht ausreichend, um die genaue anatomische Situation oder eine mögliche Darmischämie sicher zu beurteilen. Bei Verdacht auf einen Volvulus ist eine zeitnahe weiterführende Diagnostik und klinisch-chirurgische beziehungsweise gastroenterologische Beurteilung erforderlich.
Funktioneller Ileus und Pseudoobstruktion
Beim funktionellen oder paralytischen Ileus ist die Darmmotilität gestört, ohne dass ein mechanisches Passagehindernis vorliegt. Mögliche Auslöser sind postoperative Zustände, intraabdominale Entzündungen, intestinale Ischämien, metabolische Störungen und bestimmte Medikamente.
Radiographisch findet sich häufig eine ausgedehnte Gasfüllung mehrerer Dünn- und Dickdarmabschnitte. Auch Luft-Flüssigkeitsspiegel können auftreten. Im Unterschied zur mechanischen Obstruktion besteht typischerweise kein klarer, durch ein Hindernis verursachter Übergang zwischen dilatiertem und kollabiertem Darm.
Diese Unterscheidung ist jedoch im Projektionsröntgen nicht immer möglich. Insbesondere eine mechanische Obstruktion mit insuffizienter Ileozökalklappe kann eine diffuse Darmdilatation verursachen und einen funktionellen Ileus imitieren.
Akute kolonische Pseudoobstruktion
Die akute kolonische Pseudoobstruktion, auch Ogilvie-Syndrom genannt, ist durch eine ausgeprägte Kolondilatation ohne mechanischen Verschluss gekennzeichnet. Häufig sind Zökum und proximales Kolon betroffen.
Die konventionelle Aufnahme zeigt die Dilatation, kann aber eine mechanische Ursache nicht zuverlässig ausschliessen. Die CT dient deshalb der Differenzierung gegenüber einer tatsächlichen Kolonobstruktion und der Suche nach möglichen Komplikationen.
Subileus und inkomplette Obstruktion
Die Bezeichnung Subileus wird klinisch häufig verwendet, wenn eine Darmpassage noch teilweise möglich ist. Im Röntgenbild kann dies mit einer mässigen Dilatation einzelner Darmabschnitte, vereinzelten Spiegeln und weiterhin nachweisbarer distaler Gasfüllung einhergehen.
Diese Befunde sind jedoch nicht spezifisch. Eine ähnliche Konstellation kann bei einer vorübergehenden Motilitätsstörung oder einer entzündlich bedingten lokalen Darmatonie auftreten. Zudem können inkomplette mechanische Obstruktionen intermittierend verlaufen und zwischenzeitlich nahezu unauffällige Abdomenaufnahmen verursachen.
Der Begriff Subileus sollte deshalb nicht allein aus wenigen leicht erweiterten Darmschlingen abgeleitet werden. Präziser ist zunächst eine morphologische Beschreibung, beispielsweise einer umschriebenen Dünndarmdilatation mit erhaltener distaler Gasfüllung und ohne eindeutiges radiographisches Obstruktionsmuster.
Besteht klinisch der Verdacht auf eine partielle mechanische Obstruktion, ist die CT wesentlich geeigneter, um eine mögliche Übergangsstelle und die Ursache zu identifizieren. Die ACR Appropriateness Criteria bewerten bei vermuteter intermittierender oder niedriggradiger Dünndarmobstruktion die konventionelle Abdomenradiographie als in der Regel nicht geeignetes Untersuchungsverfahren.
Koprostase und fäkale Impaktion
Eine Koprostase bezeichnet die vermehrte Retention von Stuhl im Kolon. Im Abdomenröntgen erscheint Stuhl typischerweise als inhomogenes, fleckiges Muster aus weichteildichten Bestandteilen und kleinen eingeschlossenen Gasansammlungen.
Die radiologische Stuhlmenge ist allerdings kein zuverlässiger Massstab für das Ausmass einer klinischen Obstipation. Eine ausgeprägte Stuhlfüllung kann auch bei Patienten ohne relevante Obstipationsbeschwerden vorkommen. Umgekehrt kann eine klinisch bedeutsame Obstipation ohne auffällige Stuhlmassen im Röntgenbild bestehen.
Eine verblindete Untersuchung zur radiologischen Beurteilung der Stuhlretention zeigte eine erhebliche Variabilität zwischen den Untersuchern sowie eine schwache Korrelation zwischen sichtbarer Stuhlmenge und objektiv gemessener Kolontransitzeit. Die Diagnose einer Obstipation bleibt daher in erster Linie klinisch.
Koprostase oder mechanische Obstruktion?
Eine ausgeprägte Stuhlfüllung darf nicht automatisch als Erklärung einer gleichzeitig bestehenden Darmdilatation angesehen werden. Insbesondere bei stenosierenden Kolonprozessen kann sich Stuhl proximal eines mechanischen Hindernisses ansammeln.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Stuhl vorhanden ist, sondern ob zusätzlich ein auffälliges Kaliberverhältnis, eine ungleichmässige Gasverteilung oder eine verminderte distale Füllung besteht.
Fäkale Impaktion und Fäkalom
Eine fäkale Impaktion bezeichnet eine klinisch relevante Ansammlung verhärteten Stuhls, häufig im Rektum oder Rektosigmoid. Ein Fäkalom kann sich als grössere, umschriebene Stuhlmasse mit charakteristischem Gas-Weichteil-Mischmuster darstellen und eine erhebliche lokale Erweiterung verursachen.
Bei entsprechender klinischer Konstellation müssen Komplikationen wie Druckschädigung der Darmwand, sterkorale Kolitis oder Perforation berücksichtigt werden. Diese Veränderungen lassen sich durch die konventionelle Radiographie nicht zuverlässig ausschliessen; bei entsprechendem Verdacht ist eine CT erforderlich.
Radiologische Differenzialdiagnose
Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten radiographischen Muster zusammen. Die genannten Merkmale sind typische Konstellationen, keine absoluten diagnostischen Kriterien.
| Merkmal | Dünndarmileus | Dickdarmileus | Funktioneller Ileus | Koprostase |
|---|---|---|---|---|
| Hauptbefund | Dilatierte Dünndarmschlingen | Dilatierte Kolonabschnitte | Häufig diffuse Darmgasvermehrung | Vermehrter Stuhlinhalt |
| Spiegel | Häufig mehrfach | Möglich | Möglich | Nicht charakteristisch |
| Distale Gasfüllung | Bei hochgradiger Obstruktion häufig reduziert | Distal des Hindernisses häufig reduziert | Häufig erhalten | Variabel |
| Kaliberwechsel | In der CT häufig lokalisierbar | In der CT häufig lokalisierbar | Kein mechanisch bedingter Übergang | Nicht kennzeichnend |
| Diagnostische Grenze | Ursache und Komplikationen | Obstruktionsursache und Ischämie | Ausschluss eines mechanischen Hindernisses | Klinische Obstipation und ihre Ursache |
Radiologische Fallstricke und Komplikationszeichen
Gas im Rektum schliesst keinen Ileus aus
Bei einer inkompletten oder frühen mechanischen Obstruktion kann weiterhin Gas distal des Hindernisses vorhanden sein. Auch nach Entstehung einer hochgradigen Obstruktion können distale Darmabschnitte zunächst noch Restgas enthalten.
Fehlende Dünndarmdilatation schliesst eine Obstruktion nicht aus
Insbesondere bei flüssigkeitsgefüllten Darmschlingen kann eine mechanische Obstruktion radiographisch unterschätzt werden. Die sichtbare Gasmenge entspricht nicht unmittelbar dem gesamten Darminhalt.
Luft-Flüssigkeitsspiegel sind nicht spezifisch
Spiegel entstehen durch die Trennung von Gas und Flüssigkeit unter Schwerkrafteinfluss. Ihr Nachweis beschreibt zunächst einen physikalischen Zustand innerhalb des Darms, nicht dessen Ursache. Erst die Kombination mit Darmdilatation und auffälliger Verteilung erhöht die diagnostische Aussagekraft.
Eine ausgeprägte Stuhlfüllung schliesst keine Obstruktion aus
Stuhlretention kann unabhängig von einer mechanischen Obstruktion bestehen oder deren Folge sein. Bei gleichzeitig auffälliger Kolondilatation und vermindertem distalem Darminhalt muss deshalb eine mechanische Passagebehinderung berücksichtigt werden.
Komplikationen sind im Röntgenbild häufig nicht erkennbar
Eine Strangulation, Darmischämie oder beginnende Wandnekrose lässt sich anhand der konventionellen Abdomenübersichtsaufnahme nicht zuverlässig diagnostizieren oder ausschliessen. Auch eine gedeckte Perforation kann ohne sichtbares Pneumoperitoneum bestehen.
Freie intraperitoneale Luft, Gas in der Darmwand oder ungewöhnliche extraluminale Gasansammlungen sind bei entsprechender Konstellation alarmierende Befunde. Ihr Fehlen ist jedoch keine Entwarnung. Bei Peritonismus, zunehmenden Schmerzen, Kreislaufinstabilität oder anderen klinischen Warnzeichen ist eine dringliche weiterführende Abklärung erforderlich.
Befundformulierung und klinische Konsequenzen
Eine aussagekräftige Befundformulierung beginnt mit den sichtbaren Veränderungen und leitet daraus eine diagnostische Einschätzung ab. Die Begriffe Ileus und Subileus sollten nicht als Ersatz für die morphologische Beschreibung verwendet werden.
Beispiel: Verdacht auf mechanischen Dünndarmileus
Mehrere dilatierte Dünndarmschlingen mit einem maximalen Durchmesser von etwa 4 cm und multiplen Luft-Flüssigkeitsspiegeln. Deutlich verminderte Gasfüllung des Kolons. Radiographisch hochgradiger Verdacht auf mechanische Dünndarmobstruktion. Zur Lokalisation und Ursachenklärung sowie zum Ausschluss von Komplikationen dringliche CT empfohlen.
Beispiel: Unspezifische Dünndarmdilatation
Einzelne mässig dilatierte Dünndarmschlingen im Mittelabdomen. Gasfüllung des Kolons bis in das Rektum erhalten. Kein eindeutiges radiographisches Muster einer hochgradigen mechanischen Obstruktion. Bei klinischem Verdacht auf eine inkomplette Passagebehinderung weiterführende CT erforderlich.
Beispiel: Ausgeprägte Stuhlretention
Ausgeprägte Stuhlfüllung des Kolons, betont im Rektosigmoid. Keine auffällige Dilatation der gasführenden Dünndarmschlingen. Radiographisch vermehrte Stuhlretention; die klinische Bedeutung ist anhand von Anamnese und Untersuchungsbefund einzuordnen.
Die Beispiele verdeutlichen, dass ein radiologischer Befund sowohl die objektiv sichtbaren Zeichen als auch die Grenzen der daraus möglichen Interpretation enthalten sollte. Eine sichere ätiologische Zuordnung ist im Projektionsröntgen häufig nicht möglich.
Weiterführende Diagnostik
Die Wahl der weiterführenden Bildgebung richtet sich nach der klinischen Situation und der vermuteten Ursache. Bei akuter mechanischer Dünndarmobstruktion bewerten die ACR Appropriateness Criteria die CT von Abdomen und Becken mit intravenösem Kontrastmittel als in der Regel geeignet. Die konventionelle Abdomenradiographie wird deutlich zurückhaltender bewertet.
Die europäischen Bologna-Leitlinien der WSES empfehlen bei unklarer adhäsionsbedingter Dünndarmobstruktion oder möglicher Strangulation eine CT, da sie sowohl die Obstruktion als auch relevante Komplikationszeichen beurteilen kann.
| Fragestellung | Bevorzugte Abklärung | Diagnostisches Ziel |
|---|---|---|
| Akute mechanische Dünndarmobstruktion | CT, in der Regel mit i.v. Kontrastmittel | Übergangsstelle, Ursache und Komplikationen |
| Intermittierende oder niedriggradige Obstruktion | CT; bei ausgewählten Fragestellungen CT-Enterographie | Nachweis diskreter Stenosen und möglicher Ursachen |
| Verdacht auf mechanische Kolonobstruktion | CT, meist mit i.v. Kontrastmittel | Obstruktionshöhe, Ursache und Gefährdung des Darms |
| Unkomplizierte klinische Obstipation | Primär klinische Diagnostik | Keine routinemässige Bildgebung allein zur Quantifizierung der Stuhlmenge |
Konventionelle Radiographie in der Verlaufskontrolle
Bei einer bereits gesicherten Darmobstruktion kann die konventionelle Aufnahme zur gezielten Verlaufskontrolle beitragen, beispielsweise zur Beurteilung einer zunehmenden oder rückläufigen Darmdilatation. Ein besonders gut belegter Einsatzbereich ist die Kontrolle der Passage eines wasserlöslichen enteralen Kontrastmittels bei ausgewählten Patienten mit adhäsionsbedingter Dünndarmobstruktion.
Nach den Bologna-Leitlinien spricht das Erreichen des Kolons durch das Kontrastmittel innerhalb von etwa 24 Stunden für eine günstige Wahrscheinlichkeit der nicht operativen Behandlung. Bleibt der Kontrastmittelübertritt aus, ist dies ein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko des konservativen Therapieversagens. Die Anwendung erfolgt im Rahmen eines definierten klinischen Behandlungskonzepts und ersetzt nicht die Überwachung möglicher Komplikationen.
Fazit
Die radiologische Unterscheidung zwischen Ileus, Subileus und Koprostase beruht auf der gemeinsamen Beurteilung von Darmkaliber, Gasverteilung, Spiegelbildung und distaler Darmfüllung. Kein einzelnes Zeichen beweist oder widerlegt eine mechanische Obstruktion. Insbesondere dürfen eine erhaltene rektale Gasfüllung, geringe Dünndarmdilatation oder ausgeprägte Stuhlretention nicht zu einer voreiligen diagnostischen Schlussfolgerung führen.
Die Abdomenübersichtsaufnahme kann ein auffälliges Obstruktionsmuster erkennen lassen. Für die zuverlässige Differenzierung zwischen mechanischer und funktioneller Passagestörung, die Ursachenklärung und den Ausschluss gefährlicher Komplikationen ist bei entsprechendem Verdacht die CT entscheidend.
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