Startseite » Blog » ⭐ Radiologie Grundlagen » Abdomenröntgen: Darmentzündungen und Perforationen

Abdomenröntgen: Darmentzündungen und Perforationen

Radiologin und Chirurg besprechen gemeinsam eine Abdomenröntgenaufnahme an einem Monitor im Rahmen der interdisziplinären Notfalldiagnostik.

Entzündliche Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts können im konventionellen Abdomenröntgen unterschiedliche Veränderungen verursachen. Dazu gehören eine veränderte Darmgasverteilung, eine lokale oder diffuse Darmdilatation, eine auffällige Darmwandkontur und der Verlust der normalen Haustrierung. Diese Befunde sind jedoch überwiegend unspezifisch. Die entzündete Darmwand selbst lässt sich aufgrund der geringen Weichteilkontraste der Projektionsradiographie häufig nur indirekt beurteilen.

Von besonderer Bedeutung ist die Suche nach Zeichen einer gastrointestinalen Perforation. Freie intraperitoneale Luft kann auf eine Perforation eines Hohlorgans hinweisen, während lokal begrenzte oder gedeckte Perforationen radiographisch unauffällig bleiben können. Für die Bildanalyse ist deshalb entscheidend, sichtbare morphologische Veränderungen zunächst präzise zu beschreiben, ihre mögliche entzündliche Ursache kritisch einzuordnen und die Grenzen der konventionellen Untersuchung zu erkennen.

Inhaltsverzeichnis

Diagnostische Grundlagen und Indikationen

Die konventionelle Abdomenübersichtsaufnahme ist kein geeignetes Verfahren, um eine Darmentzündung zuverlässig nachzuweisen oder auszuschliessen. Ihre diagnostische Aussagekraft beruht überwiegend auf sekundären Veränderungen der Darmwand, des Darmlumens und der Darmgasverteilung. Die Beurteilung der entzündlichen Aktivität, der tatsächlichen Wanddicke und möglicher extraluminaler Komplikationen erfordert in der Regel Sonographie, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT).

Die aktuellen ECCO-ESGAR-ESP-IBUS-Leitlinien von 2025 sind gemeinsame Empfehlungen zur Diagnostik und Überwachung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Sie wurden unter Beteiligung der European Crohn’s and Colitis Organisation (ECCO), der European Society of Gastrointestinal and Abdominal Radiology (ESGAR), der European Society of Pathology (ESP) und der International Bowel Ultrasound Group (IBUS) erarbeitet. Die Leitlinien unterstreichen die Bedeutung der Schnittbilddiagnostik. Insbesondere bei Verdacht auf akute Komplikationen wie ein toxisches Megakolon oder eine Perforation ist die CT der konventionellen Abdomenradiographie diagnostisch überlegen.

Die Abdomenübersichtsaufnahme kann dennoch wichtige Befunde liefern, wenn sie bereits vorliegt oder im Rahmen einer gezielten Verlaufskontrolle eingesetzt wird. Dazu gehören eine zunehmende Kolondilatation, eine lokale reflektorische Darmatonie und der Nachweis freier intraperitonealer Luft. Entscheidend ist, dass ein unauffälliger Befund nicht zum Ausschluss einer klinisch vermuteten Entzündung oder Perforation verwendet wird.


Untersuchungstechnik und Projektionen

Die Sichtbarkeit pathologischer Gasansammlungen hängt wesentlich von der Patientenlagerung und der Strahlenrichtung ab. Besonders bei der Suche nach freier intraperitonealer Luft unterscheiden sich die diagnostischen Möglichkeiten der einzelnen Projektionen erheblich.

Projektion Beurteilbare Befunde Wichtige Einschränkung
Abdomen in Rückenlage Darmgasverteilung, Darmkaliber, Wandkonturen, indirekte Zeichen freier Luft Kleine freie Gasansammlungen können leicht übersehen werden
Aufrechte Thoraxaufnahme Freie subdiaphragmale Luft, besonders unter der rechten Zwerchfellkuppel Keine zuverlässige Erkennung gedeckter Perforationen
Abdomen im Stehen Luft-Flüssigkeitsspiegel und gegebenenfalls subdiaphragmale freie Luft Abhängig von Lagerung und vollständiger Darstellung des Oberbauchs
Linksseitenlage mit horizontalem Strahlengang Freie Luft zwischen Leber und rechter lateraler Bauchwand Ausreichende Lagerungszeit und geeigneter Bildausschnitt erforderlich

Bei Verdacht auf ein Pneumoperitoneum ist die aufrechte Thoraxaufnahme besonders nützlich, weil sich freie Luft zwischen der Leber und dem rechten Zwerchfell abgrenzen kann. Differenzialdiagnostisch ist insbesondere das Chilaiditi-Zeichen zu berücksichtigen: Dabei liegt eine gasgefüllte Darmschlinge, meist ein Kolonabschnitt, zwischen Leber und rechter Zwerchfellkuppel. Im Gegensatz zu freier intraperitonealer Luft sind innerhalb der interponierten Darmschlinge häufig Haustren erkennbar. Bei nicht stehfähigen Patienten kann eine Aufnahme in Linksseitenlage mit horizontalem Strahlengang eine Alternative darstellen.

Eine zusätzliche konventionelle Aufnahme darf jedoch die dringliche CT-Diagnostik oder notwendige klinisch-chirurgische Massnahmen nicht verzögern.


Radiologische Zeichen entzündlicher Darmveränderungen

Entzündliche Prozesse können die Darmwand verdicken, ihre Beweglichkeit verändern und die normale Verteilung von Gas und Darminhalt beeinflussen. Im Projektionsröntgen sind diese Veränderungen nur dann erkennbar, wenn ausreichende natürliche Kontraste vorhanden sind.

Darmwandverdickung

Eine entzündlich verdickte Darmwand kann sich durch eine verbreiterte Weichteilstruktur zwischen benachbarten gasgefüllten Darmabschnitten bemerkbar machen. Im Kolon können verdickte Haustren und eine veränderte Kontur der gasgefüllten Lichtung sichtbar werden.

Die Wanddicke lässt sich auf einer Abdomenübersichtsaufnahme jedoch nicht zuverlässig messen. Eine scheinbar verbreiterte Darmwand kann durch Überlagerungen, unvollständige Gasfüllung oder benachbarte Weichteilstrukturen vorgetäuscht werden.

Veränderungen der Haustrierung

Entzündliche Kolonveränderungen können mit einer unregelmässigen, verdickten oder verminderten Haustrierung einhergehen. Bei ausgeprägter entzündlicher Schädigung kann das Kolon abschnittsweise eine glatte, wenig haustrierte Kontur aufweisen.

Eine verminderte Haustrierung ist allerdings nicht spezifisch für eine Entzündung. Auch starke Darmdilatation, chronische strukturelle Veränderungen und die Untersuchungstechnik beeinflussen das Erscheinungsbild.

Daumenabdruckzeichen – Thumbprinting

Das klassische Thumbprinting beschreibt rundliche, in das gasgefüllte Darmlumen vorspringende Weichteilkonturen. Morphologisch entstehen sie durch eine Verdickung der Darmwand beziehungsweise der Haustren, häufig infolge eines submukösen Ödems oder einer Einblutung.

Das Zeichen kann bei entzündlichen, infektiösen und ischämischen Kolonerkrankungen auftreten. Es erlaubt daher keine zuverlässige ätiologische Zuordnung. Insbesondere darf Thumbprinting nicht mit dem sicheren Nachweis einer ischämischen Kolitis gleichgesetzt werden.

Veränderte Darmgasverteilung

Eine lokale oder diffuse Darmgasvermehrung kann Folge einer entzündlich bedingten Motilitätsstörung sein. Auch einzelne Luft-Flüssigkeitsspiegel sind möglich. Diese Veränderungen beschreiben zunächst eine funktionelle Reaktion des Darms und sind für sich genommen kein spezifischer Entzündungsnachweis.


Kolitis und toxisches Megakolon

Eine Kolitis kann infektiöse, chronisch-entzündliche, ischämische oder andere Ursachen haben. Die konventionelle Abdomenaufnahme zeigt in erster Linie mögliche morphologische Folgen, nicht jedoch die zugrunde liegende Ätiologie.

Bei einer ausgeprägten Kolitis können verdickte Haustren, eine veränderte Darmkontur, eine verminderte Haustrierung und eine segmentale oder diffuse Kolondilatation auftreten. Der radiographische Befund kann aber auch trotz klinisch relevanter Entzündung weitgehend unauffällig sein.

Toxisches Megakolon

Das toxische Megakolon ist eine schwerwiegende Komplikation einer akuten Kolitis, die durch eine nicht obstruktive Kolondilatation in Verbindung mit einer ausgeprägten systemischen Entzündungsreaktion gekennzeichnet ist. Es kann unter anderem bei schwerer Colitis ulcerosa und infektiöser Kolitis auftreten.

Ein klassisches radiologisches Kriterium ist eine Dilatation des Colon transversum auf mehr als etwa 5,5–6 cm. Dieser Wert allein begründet jedoch nicht die Diagnose eines toxischen Megakolons. Entscheidend sind die begleitenden klinischen Zeichen der systemischen Toxizität und der Ausschluss einer mechanischen Obstruktion.

Die ECCO-ESGAR-Leitlinie von 2018 betrachtete die konventionelle Abdomenaufnahme bei akuter schwerer Kolitis noch als akzeptable Erstuntersuchung. Die aktualisierte ECCO-ESGAR-ESP-IBUS-Leitlinie von 2025 empfiehlt bei klinischem Verdacht auf ein toxisches Megakolon dagegen die CT gegenüber der Abdomenradiographie, weil sie zusätzlich Darmwandveränderungen und mögliche Komplikationen erfassen kann.

Eine zunehmende Kolondilatation, insbesondere in Verbindung mit einer schweren klinischen Verschlechterung, erfordert eine dringliche interdisziplinäre Beurteilung. Eine Perforation oder drohende Darmwandnekrose kann durch die konventionelle Radiographie nicht zuverlässig ausgeschlossen werden.


Lokale Entzündungen und Sentinel Loop

Eine umschriebene intraabdominale Entzündung kann eine lokale Motilitätsstörung benachbarter Darmschlingen verursachen. Im Röntgenbild zeigt sich dann gelegentlich eine einzelne oder eine kleine Gruppe erweiterter Darmschlingen, während die übrige Darmgasverteilung weitgehend unauffällig bleibt.

Sentinel Loop – lokalisierte reflektorische Darmatonie

Der Begriff Sentinel Loop bezeichnet eine lokal dilatierte Darmschlinge in der Nähe eines entzündlichen oder anderweitig irritierenden intraabdominalen Prozesses. Der Mechanismus wird als lokale reflektorische Motilitätshemmung verstanden.

Das Zeichen kann beispielsweise bei einer Appendizitis, Pankreatitis, Cholezystitis oder einer anderen umschriebenen intraabdominalen Entzündung auftreten. Seine Lokalisation kann einen Hinweis auf die betroffene Region geben, erlaubt aber keine sichere Organdiagnose.

Insbesondere muss zwischen einer lokalen reflektorischen Darmatonie und einer beginnenden mechanischen Passagebehinderung unterschieden werden. Beide können eine umschriebene Darmdilatation verursachen. Eine einzelne erweiterte Schlinge ist deshalb nicht automatisch ein Sentinel Loop.

Appendizitis als Beispiel

Bei einer Appendizitis können einzelne Dünndarmschlingen im rechten Unter- oder Mittelabdomen dilatiert erscheinen. Gelegentlich treten lokale Luft-Flüssigkeitsspiegel auf. Diese Befunde sind indirekte Zeichen einer möglichen entzündlichen Reaktion, nicht jedoch ein spezifischer Nachweis der Appendizitis.

Die WSES-Jerusalem-Leitlinien zur akuten Appendizitis empfehlen bei bildgebender Abklärung primär die Sonographie und bei entsprechender Indikation die CT. Die konventionelle Abdomenübersichtsaufnahme spielt für die eigentliche Appendizitisdiagnostik keine wesentliche Rolle.

Besonders bei einer gedeckten Perforation können die konventionellen Aufnahmen lediglich unspezifische Veränderungen der Darmgasverteilung zeigen. Eine freie subdiaphragmale Gasansammlung muss dabei nicht vorhanden sein.


Freie und gedeckte Perforationen

Eine gastrointestinale Perforation führt zu einer Verbindung zwischen dem Darmlumen und einem extraluminalen Raum. Die radiologischen Folgen hängen davon ab, ob Gas und Darminhalt frei in die Peritonealhöhle gelangen oder durch benachbarte Strukturen lokal begrenzt werden.

Perforationsform Morphologisches Prinzip Konventionelle Radiographie
Freie intraperitoneale Perforation Gas kann sich frei innerhalb der Peritonealhöhle verteilen Pneumoperitoneum möglich, abhängig von Gasmenge und Lagerung
Gedeckte Perforation Austritt wird durch benachbarte Strukturen lokal begrenzt Häufig kein sicher erkennbares freies Gas; lokale indirekte Zeichen möglich
Retroperitoneale Perforation Gas gelangt in retroperitoneale Kompartimente Ungewöhnliche lineare oder fleckige Gasansammlungen entlang retroperitonealer Strukturen möglich

Die Unterscheidung ist klinisch bedeutsam: Eine gedeckte oder retroperitoneale Perforation kann trotz fehlender freier subdiaphragmaler Luft vorliegen. Der negative konventionelle Röntgenbefund besitzt daher keinen ausreichenden Ausschlusswert.


Direkte Zeichen freier intraperitonealer Luft

Freie intraperitoneale Luft ist ein extraluminaler Gasnachweis innerhalb der Peritonealhöhle. Im Röntgenbild kann sie sich abhängig von Lagerung und Gasmenge an unterschiedlichen Stellen ansammeln. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Gas innerhalb des Gastrointestinaltrakts und Gas ausserhalb des Darmlumens.

Subdiaphragmale freie Luft

Bei aufrechter Lagerung steigt freie intraperitoneale Luft in die höchsten Abschnitte der Peritonealhöhle auf. Besonders charakteristisch ist eine sichelförmige Gasansammlung zwischen der rechten Zwerchfellkuppel und der Leberoberfläche.

Unter der linken Zwerchfellkuppel ist die Beurteilung schwieriger, da sich dort physiologischerweise die Magenblase und gasgefüllte Kolonabschnitte projizieren können. Eine scheinbar subdiaphragmale Gasansammlung muss daher sorgfältig anatomisch zugeordnet werden.

Rigler-Zeichen – Double-Wall Sign

Normalerweise ist bei einer gasgefüllten Darmschlinge vor allem die innere, dem Darmlumen zugewandte Darmwandkontur erkennbar. Befindet sich zusätzlich freie Luft ausserhalb der Schlinge, können beide Seiten der Darmwand durch Gas kontrastiert werden.

Dieses Erscheinungsbild wird als Rigler-Zeichen oder Double-Wall Sign bezeichnet. Es ist insbesondere auf Abdomenaufnahmen in Rückenlage von Bedeutung.

Das Zeichen setzt geeignete Kontrastverhältnisse voraus und ist nicht bei jeder Perforation sichtbar. Benachbarte gasgefüllte Darmschlingen können ausserdem eine scheinbare beidseitige Wanddarstellung vortäuschen.

Falciform-Ligament-Zeichen

Bei ausreichender freier Gasmenge kann das Ligamentum falciforme durch umgebende Luft sichtbar werden. Es erscheint dann als lineare Weichteilstruktur im rechten beziehungsweise mittleren Oberbauch.

Dieses Zeichen ist vergleichsweise selten und erfordert meist eine grössere freie Gasansammlung. Sein Fehlen hat deshalb keine relevante Ausschlusskraft.

Weitere Zeichen bei ausgeprägtem Pneumoperitoneum

Bei grösseren freien Gasmengen können zusätzliche Konturen des Peritonealraums sichtbar werden. Dazu gehören die Darstellung von Peritonealfalten oder eine ungewöhnlich ausgedehnte zentrale Gastransparenz. Das sogenannte Football Sign beschreibt eine grosse ovale Gasansammlung, die besonders bei Kindern mit ausgeprägtem Pneumoperitoneum beschrieben wurde.

Diese klassischen Zeichen sind für das Verständnis der Projektionsradiographie nützlich. Im klinischen Alltag ist jedoch wichtiger, bereits geringe oder atypisch lokalisierte freie Gasansammlungen zu erkennen, statt ausschliesslich nach ausgeprägten Lehrbuchzeichen zu suchen.


Indirekte Perforationszeichen und Fallstricke

Eine Perforation kann vorliegen, ohne dass freie Luft sicher nachweisbar ist. Dies gilt insbesondere bei kleinen, gedeckten oder retroperitonealen Perforationen. Die konventionelle Aufnahme zeigt dann möglicherweise nur indirekte Veränderungen.

Lokale Darmatonie und Flüssigkeitsspiegel

Eine lokale reflektorische Darmatonie kann Ausdruck einer peritonealen Reizung sein. Erweiterte Darmschlingen und einzelne Flüssigkeitsspiegel sind jedoch unspezifisch und erlauben keine sichere Unterscheidung zwischen Entzündung, Perforation und mechanischer Passagebehinderung.

Veränderte Weichteil- und Fettgewebsgrenzen

Eine entzündliche Infiltration, Flüssigkeitsansammlung oder Raumforderung kann natürliche Fettlinien überlagern oder benachbarte Darmabschnitte verdrängen. Die geringe Weichteildifferenzierung der Projektionsradiographie erlaubt jedoch nur selten eine zuverlässige Zuordnung.

Pseudopneumoperitoneum

Eine scheinbare freie subdiaphragmale Gasansammlung kann durch intraluminales Gas vorgetäuscht werden. Ein klassisches Beispiel ist die Interposition einer gasgefüllten Kolonschlinge zwischen Leber und rechtem Zwerchfell, das sogenannte Chilaiditi-Zeichen.

Im Gegensatz zu freier intraperitonealer Luft können innerhalb der interponierten Kolonschlinge Haustren erkennbar sein. Die anatomische Konfiguration und gegebenenfalls Voraufnahmen helfen bei der Differenzierung.

Postoperatives Pneumoperitoneum

Freie intraperitoneale Luft kann nach operativen Eingriffen oder bestimmten interventionellen Massnahmen vorhanden sein, ohne dass eine aktuelle pathologische Perforation besteht. Die Bewertung hängt vom Eingriff, vom zeitlichen Verlauf, von der Gasmenge und insbesondere vom klinischen Zustand ab.

Neu auftretende oder zunehmende freie Luft und entsprechende klinische Beschwerden müssen jedoch an eine postoperative Komplikation denken lassen. Die blosse Kenntnis einer vorausgegangenen Operation genügt nicht, um ein Pneumoperitoneum als harmlos einzustufen.


Differenzialdiagnose radiologischer Befundmuster

Die folgende Übersicht trennt sichtbare morphologische Zeichen von ihrer möglichen diagnostischen Bedeutung. Gerade bei entzündlichen Erkrankungen ist diese Unterscheidung wichtig, da viele Veränderungen nicht krankheitsspezifisch sind.

Radiologischer Befund Mögliche Einordnung Wichtige Einschränkung
Verdickte Haustren, Thumbprinting Entzündliche, infektiöse, ischämische oder hämorrhagische Darmwandveränderung Keine sichere ätiologische Zuordnung
Lokalisierte dilatierte Darmschlinge Reflektorische Darmatonie bei lokalem Entzündungsprozess Auch bei anderen Motilitätsstörungen und mechanischer Obstruktion möglich
Ausgeprägte Kolondilatation bei schwerer Kolitis Verdacht auf toxisches Megakolon Klinische systemische Toxizität und Ausschluss mechanischer Obstruktion erforderlich
Freie subdiaphragmale Luft Pneumoperitoneum, häufig bei Hohlorganperforation Postoperative und andere nicht perforationsbedingte Ursachen berücksichtigen
Beidseitige Darmwanddarstellung Rigler-Zeichen bei freier intraperitonealer Luft Überlagerte gasgefüllte Darmschlingen können das Zeichen imitieren
Kein Nachweis freier Luft Kein radiographisch sichtbares Pneumoperitoneum Eine freie oder gedeckte Perforation bleibt möglich

Systematische Befundung und Formulierungsbeispiele

Bei Verdacht auf einen entzündlichen Prozess oder eine Perforation sollten Darmgasverteilung, Darmkaliber, Wandkonturen und extraluminale Gasansammlungen getrennt beurteilt werden. Die diagnostische Einschätzung folgt erst nach der Beschreibung der sichtbaren Veränderungen.

Beispiel: Verdacht auf entzündliche Kolonveränderungen

Segmental verdickte Haustren und unregelmässige Kontur des gasgefüllten Kolons. Keine ausgeprägte Kolondilatation. Radiographisch Verdacht auf eine Darmwandveränderung, beispielsweise im Rahmen einer Kolitis. Eine zuverlässige Beurteilung der Ausdehnung und Ursache ist konventionell-radiographisch nicht möglich.

Beispiel: Lokalisierte reflektorische Darmatonie

Umschriebene Dilatation einzelner Dünndarmschlingen im rechten Mittel- und Unterabdomen mit vereinzelten Luft-Flüssigkeitsspiegeln. Übrige Darmgasverteilung weitgehend unauffällig. Unspezifischer Befund; eine lokale reflektorische Darmatonie bei entzündlichem Prozess ist möglich. Klinische Korrelation und gezielte weiterführende Bildgebung empfohlen.

Beispiel: Pneumoperitoneum

Sichelförmige freie Gasansammlung zwischen rechter Zwerchfellkuppel und Leberoberfläche. Nachweis eines Pneumoperitoneums. Bei fehlender plausibler postoperativer oder interventioneller Ursache hochgradiger Verdacht auf Hohlorganperforation. Unverzügliche klinisch-chirurgische Beurteilung erforderlich.

Beispiel: Keine freie Luft nachweisbar

Kein sicherer Nachweis freier intraperitonealer Luft in den vorliegenden Projektionen. Eine gedeckte oder kleine gastrointestinale Perforation ist hierdurch nicht ausgeschlossen. Bei anhaltendem klinischem Verdacht dringliche weiterführende CT-Diagnostik empfohlen.

Insbesondere die letzte Formulierung ist bedeutsam: Die Aussage «keine freie Luft nachweisbar» beschreibt einen radiologischen Befund. Sie ist nicht gleichbedeutend mit «keine Perforation».


Weiterführende Diagnostik

Die Wahl der weiterführenden Bildgebung hängt von der klinischen Fragestellung, der vermuteten Erkrankung und der Dringlichkeit ab. Die konventionelle Abdomenradiographie kann morphologische Hinweise liefern, ersetzt jedoch nicht die gezielte Diagnostik entzündlicher oder perforativer Erkrankungen.

Klinische Fragestellung Weiterführende Bildgebung Diagnostisches Ziel
Verdacht auf akute Appendizitis Sonographie; CT bei entsprechender klinischer Indikation Appendixveränderungen, Umgebungsentzündung, Abszess oder Perforation
Verdacht auf komplizierte Kolitis CT, in der Regel mit i.v. Kontrastmittel Ausdehnung, Darmwandveränderungen, Dilatation und Komplikationen
Verdacht auf gastrointestinale Perforation Dringliche CT, sofern klinisch vertretbar Extraluminale Luft, Flüssigkeit, mögliche Perforationsstelle und Ursache
Chronisch-entzündliche Darmerkrankung ohne akute Komplikation Darmsonographie oder MRT je nach Fragestellung Entzündungsaktivität, Ausdehnung und Verlauf ohne unnötige Strahlenexposition

Die WSES-Leitlinien zu perforierten peptischen Ulzera empfehlen bei Verdacht auf eine entsprechende Perforation die CT. Eine konventionelle Thorax- oder Abdomenaufnahme kommt als initiale Untersuchung insbesondere dann infrage, wenn eine CT nicht zeitnah verfügbar ist.

Bei klinischem Verdacht auf eine gedeckte Perforation oder eine intraabdominale Abszessbildung kann die CT extraluminale Gasansammlungen und entzündliche Umgebungsveränderungen erfassen, die auf konventionellen Aufnahmen nicht sichtbar sind.

Auch die Sonographie hat einen wichtigen Stellenwert, beispielsweise bei Appendizitis oder entzündlichen Darmerkrankungen. Die Wahl zwischen Sonographie, CT und MRT sollte sich an der konkreten klinischen Fragestellung orientieren, nicht allein an einem unspezifischen konventionellen Röntgenbefund.


Fazit

Entzündliche Darmerkrankungen können im Abdomenröntgen durch Darmwandveränderungen, eine auffällige Haustrierung, lokale Motilitätsstörungen und veränderte Darmgasverteilungen in Erscheinung treten. Diese Zeichen sind überwiegend unspezifisch und erlauben häufig keine sichere Zuordnung zu einer bestimmten Erkrankung. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer lokalisierten reflektorischen Darmatonie und einer mechanischen Passagebehinderung.

Bei Verdacht auf eine gastrointestinale Perforation besitzt der Nachweis freier intraperitonealer Luft grosse diagnostische Bedeutung. Das Fehlen eines Pneumoperitoneums schliesst jedoch weder eine kleine noch eine gedeckte Perforation aus. Die konventionelle Radiographie kann wichtige Warnzeichen liefern; für die zuverlässige Ursachenklärung und Beurteilung möglicher Komplikationen ist bei entsprechender klinischer Indikation die weiterführende Schnittbilddiagnostik entscheidend.


Literatur

  • ECCO, ESGAR, ESP, IBUS. ECCO-ESGAR-ESP-IBUS Guideline on Diagnostics and Monitoring of Patients with Inflammatory Bowel Disease: Part 1. Journal of Crohn’s and Colitis. 2025.
  • Maaser C, Sturm A, Vavricka SR, et al. ECCO-ESGAR Guideline for Diagnostic Assessment in IBD Part 1: Initial diagnosis, monitoring of known IBD, detection of complications. Journal of Crohn’s and Colitis. 2019;13:144–164.
  • Tarasconi A, Coccolini F, Biffl WL, et al. Perforated and bleeding peptic ulcer: WSES guidelines. World Journal of Emergency Surgery. 2020;15:3.
  • Di Saverio S, Podda M, De Simone B, et al. Diagnosis and treatment of acute appendicitis: 2020 update of the WSES Jerusalem guidelines. World Journal of Emergency Surgery. 2020;15:27.
  • American College of Radiology. ACR Appropriateness Criteria: Acute Nonlocalized Abdominal Pain.
Nach oben scrollen