Startseite » Blog » 2. Abdominale Radiologie » Abdomenröntgen: Normale und pathologische Gasverteilung

Abdomenröntgen: Normale und pathologische Gasverteilung

Die Verteilung des Darmgases gehört zu den wichtigsten Beurteilungskriterien der konventionellen Abdomenradiographie. Sie liefert Hinweise auf die anatomische Zuordnung gasgefüllter Darmabschnitte, mögliche Passagestörungen und Veränderungen der intestinalen Motilität. Dabei kann sowohl eine auffällige Gasansammlung als auch das Fehlen normalerweise erwarteter Gasfüllung diagnostisch relevant sein.Die normale Gasverteilung ist jedoch ausgesprochen variabel. Eine gasgefüllte Darmschlinge ist nicht zwangsläufig pathologisch, und ein weitgehend gasarmes Abdomen schliesst eine relevante Darmerkrankung keineswegs aus. Entscheidend ist deshalb eine systematische Beurteilung von Lokalisation, Verteilung, Darmkaliber, Faltenmuster und distal nachweisbarem Gas. Der Beitrag vermittelt die radiologischen Grundlagen und zeigt, welche diagnostischen Schlussfolgerungen aus den unterschiedlichen Gasverteilungsmustern zulässig sind – und wo die Grenzen der Abdomenübersichtsaufnahme liegen.

Inhaltsverzeichnis anzeigen
  1. Grundlagen der intestinalen Gasverteilung
  2. Normale Gasverteilung im Abdomen
  3. Dünndarm und Dickdarm unterscheiden
  4. Darmkaliber und die 3-6-9-Regel
  5. Pathologische Gasverteilungsmuster
  6. Das gasarme und gaslose Abdomen
  7. Morphologische Muster und ihre Interpretation
  8. Häufige Fehlinterpretationen
  9. Systematische Befundung
  10. Diagnostische Grenzen und weiterführende Bildgebung
  11. Fazit
  12. Literatur

1. Grundlagen der intestinalen Gasverteilung

Gas besitzt im konventionellen Röntgenbild eine deutlich geringere Röntgenschwächung als Weichteilgewebe und erscheint deshalb dunkel. Es wirkt als natürlicher negativer Kontrast und ermöglicht die Darstellung von Magen und Darmabschnitten, die ohne intraluminale Gasfüllung häufig nicht voneinander unterschieden werden können.

Das intraluminale Gas stammt überwiegend aus geschluckter Luft sowie aus Gasen, die bei Verdauungs- und Fermentationsprozessen entstehen. Die sichtbare Gasverteilung wird durch mehrere Faktoren beeinflusst:

  • Gasaufnahme und Gasbildung,
  • intestinale Motilität und Passagegeschwindigkeit,
  • Flüssigkeits- und Darminhalt,
  • Körperposition und Aufnahmeprojektion,
  • vorangegangene Mahlzeiten, Untersuchungen und operative Eingriffe.

Eine Abdomenübersichtsaufnahme bildet nur einen einzelnen Zeitpunkt dieser dynamischen Vorgänge ab. Das bedeutet, dass sich die Gasverteilung auch ohne pathologischen Prozess innerhalb kurzer Zeit verändern kann.

Radiologisches Grundprinzip: Die Gasverteilung ist ein indirekter Ausdruck von Darminhalt und intestinaler Passage. Sie erlaubt keine unmittelbare Messung der Darmmotilität und keinen sicheren Rückschluss auf die Ursache einer möglichen Passagestörung.

2. Normale Gasverteilung im Abdomen

Die physiologische Darmgasverteilung zeigt eine grosse interindividuelle Variabilität. Dennoch lassen sich typische Verteilungsmuster beschreiben, die als Orientierung für die Bildanalyse dienen.

2.1 Magen

Die Magenblase ist häufig im linken Oberbauch unterhalb des linken Zwerchfells sichtbar. Ihr Erscheinungsbild hängt wesentlich von der Füllung und der Körperposition ab. Bei geringer Gasfüllung oder überwiegend flüssigkeitsgefülltem Magen kann die Magenblase fehlen. Dies ist für sich genommen kein pathologischer Befund.

Eine ausgeprägte Magenaufweitung muss dagegen im Zusammenhang mit dem übrigen Darmgasbild und der klinischen Fragestellung beurteilt werden.

2.2 Dünndarm

Im normalen Dünndarm ist häufig nur wenig Gas vorhanden. Einzelne kurze, nicht dilatierte gasgefüllte Dünndarmschlingen können insbesondere im zentralen Abdomen sichtbar sein. Auch das vollständige Fehlen erkennbarer Dünndarmgasfüllung kann physiologisch sein. Der normale Dünndarm muss auf einer Abdomenübersichtsaufnahme daher nicht durchgehend sichtbar sein.

Die Darstellung zahlreicher gasgefüllter Dünndarmschlingen ist auffälliger als diejenige einzelner kurzer Segmente. Entscheidend ist jedoch, ob gleichzeitig eine Kaliberzunahme oder eine ungewöhnliche Verteilung vorliegt.

2.3 Dickdarm

Im Kolon ist die Gasfüllung normalerweise ausgeprägter und variabler als im Dünndarm. Gas kann im Zäkum, Colon ascendens, transversum, descendens und insbesondere im Rektosigmoid nachweisbar sein. Eine durchgehende Gasfüllung sämtlicher Kolonabschnitte ist nicht erforderlich. Auch abschnittsweise gasarme Kolonsegmente können einen Normalbefund darstellen.

Fäkales Material erscheint häufig als inhomogene, fleckige Weichteildichte mit zahlreichen kleinen Gaseinschlüssen. Ein solcher Befund ist nicht automatisch mit einer pathologischen Koprostase gleichzusetzen.

2.4 Rektum

Gas im Rektum ist ein häufiger Normalbefund und kann bei der Interpretation möglicher distaler Passagestörungen hilfreich sein. Das Fehlen rektalen Gases ist jedoch allein kein Beweis für einen mechanischen Verschluss. Umgekehrt schliesst nachweisbares Rektumgas eine partielle oder frühe mechanische Obstruktion nicht aus.

Darmabschnitt Typischer Normalbefund Wichtige Einschränkung
Magen Gasblase im linken Oberbauch Kann bei geringer Gasfüllung fehlen
Dünndarm Wenig oder kein sichtbares Gas; einzelne kurze Schlingen Gasgefüllte Schlingen sind nicht automatisch pathologisch
Kolon Variable Gas- und Stuhlfüllung Nicht alle Abschnitte müssen gleichzeitig sichtbar sein
Rektum Häufig geringe Gasfüllung Fehlendes Gas allein beweist keine Obstruktion

3. Dünndarm und Dickdarm unterscheiden

Die anatomische Zuordnung gasgefüllter Darmschlingen ist eine zentrale Voraussetzung für die Interpretation der Gasverteilung.

3.1 Dünndarm: Kerckring-Falten

Die Plicae circulares, auch Kerckring-Falten genannt, sind Schleimhaut- und Submukosafalten des Dünndarms. Sie können bei ausreichender Gasfüllung als feine, quer verlaufende Linien sichtbar werden, die das Darmlumen vollständig durchziehen. Besonders im Jejunum sind diese Falten häufig deutlich ausgeprägt. Im Ileum sind sie weniger zahlreich und können in distalen Abschnitten nur schwach erkennbar sein.

Die typische Lokalisation der Dünndarmschlingen liegt überwiegend im zentralen Abdomen. Diese Verteilung ist jedoch keine starre anatomische Regel.

3.2 Dickdarm: Haustrierung

Die Haustren des Kolons erzeugen gröbere, weiter auseinanderliegende Einziehungen. Die zugehörigen Falten reichen im Gegensatz zu den Kerckring-Falten normalerweise nicht über die gesamte Darmlumenbreite. Das Kolon verläuft überwiegend entlang der abdominalen Peripherie. Besonders das Colon transversum und das Sigma können jedoch weit nach zentral verlagert sein.

Bei ausgeprägter Dilatation können sowohl Dünndarmfalten als auch Kolonhaustren abgeflacht oder schwer erkennbar sein. In solchen Fällen ist die Unterscheidung anhand des Faltenmusters allein unsicher.

Merkmal Dünndarm Dickdarm
Typische Lage Eher zentral Eher peripher
Faltenmuster Kerckring-Falten Haustren
Verlauf der Falten Häufig über die gesamte Lumenbreite Meist unvollständige Lumenüberquerung
Normale Gasfüllung Gering oder fehlend Variabel, häufig ausgeprägter
Fäkale Beimengungen Normalerweise nicht ausgeprägt Häufig fleckige Gas-Stuhl-Struktur

Praktischer Hinweis: Eine sichere Zuordnung ergibt sich am ehesten aus der Kombination von Faltenmuster, Verlauf, Lage und Kaliber. Kein einzelnes Merkmal ist in allen Fällen zuverlässig.

4. Darmkaliber und die 3-6-9-Regel

Die Beurteilung des Darmkalibers ist wesentlich, um eine physiologische Gasfüllung von einer möglichen pathologischen Dilatation zu unterscheiden. Als einfache radiologische Orientierung dient die sogenannte 3-6-9-Regel. Sie beschreibt häufig verwendete obere Richtwerte für die Durchmesser gasgefüllter Darmabschnitte beim Erwachsenen.

Darmabschnitt Orientierungswert Interpretation
Dünndarm 3 cm Grössere Durchmesser sind dilatationsverdächtig
Kolon, ausser Zäkum 6 cm Grössere Durchmesser sprechen für eine Dilatation
Zäkum 9 cm Grössere Durchmesser sind auffällig und klinisch einzuordnen

Diese Werte sind keine absoluten Grenzlinien zwischen Gesundheit und Erkrankung. Die Aussagekraft hängt unter anderem von Alter, klinischer Situation, anatomischer Lokalisation und der Art der Darmerweiterung ab. Ein Dünndarmdurchmesser knapp unter 3 cm schliesst eine frühe oder partielle Obstruktion nicht aus. Umgekehrt ist eine einzelne geringfügig erweiterte Schlinge ohne weitere Auffälligkeiten nicht automatisch Ausdruck eines mechanischen Ileus.

Bei der Messung sollte möglichst der Durchmesser der tatsächlich gasgefüllten Schlinge quer zu ihrer Längsachse beurteilt werden. Flüssigkeitsgefüllte, nicht gasführende Darmabschnitte können auf der Abdomenübersichtsaufnahme trotz erheblicher Dilatation unerkannt bleiben.

Merke: Die 3-6-9-Regel hilft, eine Dilatation zu erkennen. Sie diagnostiziert aber weder einen mechanischen Ileus noch dessen Ursache. Insbesondere die isolierte Messung eines Darmdurchmessers darf nicht die gesamte Beurteilung der Gasverteilung ersetzen.

5. Pathologische Gasverteilungsmuster

Eine pathologische Gasverteilung kann durch eine vermehrte Gasansammlung, eine ungewöhnliche räumliche Verteilung, eine Erweiterung bestimmter Darmabschnitte oder das Fehlen distal erwarteter Gasfüllung gekennzeichnet sein. Die morphologische Beschreibung sollte zunächst unabhängig von der vermuteten Ursache erfolgen.

5.1 Überwiegend dilatierte Dünndarmschlingen

Mehrere erweiterte, überwiegend zentral gelegene Dünndarmschlingen mit erkennbaren Kerckring-Falten sind ein wichtiges pathologisches Verteilungsmuster. Bei gleichzeitig geringer Gasfüllung des Kolons kann der Verdacht auf eine mechanische Dünndarmobstruktion entstehen. Die Befundkonstellation ist jedoch nicht spezifisch: Auch funktionelle Motilitätsstörungen können eine Dünndarmdilatation verursachen.

Das Ausmass der Dilatation und die Verteilung des verbleibenden Kolongases müssen gemeinsam beurteilt werden. Insbesondere bei partieller oder frühzeitiger Obstruktion kann weiterhin Gas im Dickdarm und Rektum nachweisbar sein.

5.2 Überwiegend dilatiertes Kolon

Eine ausgeprägte Erweiterung des Kolons kann sich durch grosskalibrige, haustrierte Darmschlingen zeigen. Die Gasverteilung kann Hinweise darauf geben, ob vor allem proximale oder auch distale Kolonabschnitte betroffen sind. Ein gasarmes distales Kolon kann bei entsprechender proximaler Dilatation den Verdacht auf eine distale mechanische Obstruktion unterstützen. Eine vergleichbare Verteilung ist jedoch auch bei funktionellen Störungen möglich.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert eine deutliche Zäkumdilatation. Die klinische Bedeutung ergibt sich nicht allein aus dem Durchmesser, sondern auch aus Dauer und Dynamik der Dilatation sowie möglichen Zeichen einer Darmwandschädigung.

5.3 Gleichzeitige Dünn- und Dickdarmdilatation

Eine diffuse Gasfüllung mit Erweiterung sowohl des Dünndarms als auch des Kolons kann bei einer generalisierten intestinalen Motilitätsstörung auftreten, beispielsweise im postoperativen Verlauf. Ein ähnliches Muster kann jedoch auch bei einer distalen mechanischen Kolonobstruktion mit insuffizienter Ileozäkalklappe entstehen. Dann kann sich die Gasfüllung retrograd auf den Dünndarm ausdehnen.

Die häufig verwendete Vereinfachung, dass eine diffuse Gasfüllung automatisch für einen paralytischen Ileus spreche, ist deshalb nicht zuverlässig.

5.4 Lokal begrenzte Dünndarmdilatation

Eine oder wenige umschrieben dilatierte Dünndarmschlingen können im Zusammenhang mit einem benachbarten entzündlichen Prozess auftreten. Dieses klassische Befundmuster wird als sentinel loop bezeichnet. Es handelt sich um eine mögliche lokale Motilitätsstörung, beispielsweise bei entzündlichen Veränderungen im angrenzenden Abdomen.

Das Zeichen ist unspezifisch. Aus der Lokalisation einer einzelnen dilatierten Schlinge darf weder die Diagnose einer bestimmten Entzündung noch deren exakte anatomische Lage abgeleitet werden.

6. Das gasarme und gaslose Abdomen

Ein besonders wichtiger diagnostischer Fallstrick ist die Annahme, dass eine geringe Darmgasfüllung grundsätzlich einen unauffälligen Befund darstelle. Ein gasarmes Abdomen kann physiologisch sein. Es kann jedoch auch entstehen, wenn Darmabschnitte überwiegend mit Flüssigkeit gefüllt sind und deshalb auf der konventionellen Röntgenaufnahme nicht ausreichend kontrastiert werden. In ausgeprägten Fällen spricht man vom gaslosen Abdomen (gasless abdomen).

6.1 Physiologische Gasarmut

Eine geringe Gasfüllung des Dünndarms ist häufig normal. Auch bei geringer Nahrungsaufnahme oder nach Veränderungen der intestinalen Gasverteilung können nur wenige Darmschlingen sichtbar sein. Das Fehlen sichtbarer Dünndarmschlingen ist deshalb für sich genommen kein pathologischer Befund.

6.2 Pathologische Gasarmut

Bei einer mechanischen Dünndarmobstruktion können betroffene Darmabschnitte überwiegend flüssigkeitsgefüllt sein. Die konventionelle Aufnahme zeigt dann unter Umständen nur wenig intraluminales Gas, obwohl eine relevante Darmdilatation besteht. Auch bei anderen Erkrankungen mit ausgeprägter Flüssigkeitsfüllung kann die tatsächliche Ausdehnung des Darms projektionsradiographisch unterschätzt werden.

Die Unterscheidung zwischen physiologischer und pathologischer Gasarmut ist anhand einer einzelnen Abdomenübersichtsaufnahme häufig nicht möglich.

Wichtiger diagnostischer Fallstrick: Ein weitgehend gasloses Abdomen schliesst einen mechanischen Ileus nicht aus. Flüssigkeitsgefüllte, erweiterte Darmschlingen können in der konventionellen Röntgenaufnahme nahezu unsichtbar bleiben.

6.3 Bedeutung der klinischen Fragestellung

Bei klinischem Verdacht auf eine relevante Passagestörung darf ein gasarmes Abdomen nicht als Ausschlussbefund interpretiert werden. Bestehen anhaltende Schmerzen, Erbrechen, zunehmende Distension oder andere Warnzeichen, ist eine weiterführende Bildgebung erforderlich. Die CT kann auch flüssigkeitsgefüllte Darmschlingen darstellen und gegebenenfalls eine Übergangszone oder Komplikationen erkennen lassen.

7. Morphologische Muster und ihre Interpretation

Die folgende Übersicht stellt typische Gasverteilungsmuster den möglichen diagnostischen Schlussfolgerungen gegenüber.

Morphologischer Befund Mögliche Interpretation Wichtige Einschränkung
Wenig Dünndarmgas, variable Kolongasfüllung Häufig physiologische Gasverteilung Keine sichere Aussage über flüssigkeitsgefüllte Darmabschnitte
Mehrere dilatierte Dünndarmschlingen, wenig Kolongas Verdacht auf Dünndarmobstruktion Funktionelle Störungen können ähnlich erscheinen
Dilatierter proximaler Dickdarm, gasarmer distaler Dickdarm Verdacht auf distale Kolonpassagestörung Mechanische und funktionelle Ursachen nicht sicher trennbar
Diffuse Dünn- und Dickdarmdilatation Mögliche generalisierte Motilitätsstörung Distale mechanische Obstruktion ebenfalls möglich
Einzelne lokal dilatierte Dünndarmschlinge Möglicher lokaler entzündlicher Reizzustand Unspezifisches Sentinel-loop-Zeichen
Weitgehend gasloses Abdomen Physiologische Gasarmut oder flüssigkeitsgefüllter Darm Relevante Obstruktion nicht ausgeschlossen

Diese Muster dienen der Orientierung. Die Differenzialdiagnostik mechanischer und funktioneller Passagestörungen wird im ergänzenden Beitrag «Abdomenröntgen: Ileus, Subileus und Koprostase» ausführlicher behandelt.

8. Häufige Fehlinterpretationen

8.1 «Viel Gas bedeutet Ileus»

Eine ausgeprägte Gasfüllung ist nicht mit einer mechanischen Obstruktion gleichzusetzen. Auch funktionelle Motilitätsstörungen und physiologische Varianten können mit einer vermehrten Gasdarstellung einhergehen. Entscheidend sind die betroffenen Darmabschnitte, deren Kaliber und die Gasverteilung im übrigen Darm.

8.2 «Gas im Rektum schliesst einen Ileus aus»

Bei partieller oder früher mechanischer Obstruktion kann weiterhin Gas distal der Obstruktionsstelle vorhanden sein. Rektumgas ist deshalb kein zuverlässiges Ausschlusskriterium.

8.3 «Kein Dünndarmgas bedeutet Normalbefund»

Ein gasarmer Dünndarm ist häufig physiologisch. Er kann aber auch Ausdruck überwiegend flüssigkeitsgefüllter Darmschlingen sein. Ohne ausreichenden natürlichen Kontrast lässt sich deren Kaliber nicht zuverlässig beurteilen.

8.4 «Diffuse Gasverteilung bedeutet paralytischer Ileus»

Eine gleichzeitige Dilatation von Dünn- und Dickdarm kann bei einer generalisierten Motilitätsstörung auftreten. Eine distale mechanische Kolonobstruktion mit retrograder Dünndarmfüllung kann jedoch ein ähnliches Muster verursachen.

8.5 «Die Gasmenge erklärt die Beschwerden»

Die subjektive Einschätzung der gesamten Darmgasmenge auf einer Abdomenübersichtsaufnahme ist unzuverlässig. Insbesondere bei funktionellen gastrointestinalen Beschwerden besteht keine einfache Beziehung zwischen sichtbarer Gasmenge und Symptomschwere. Eine konventionelle Röntgenaufnahme eignet sich deshalb nicht zur verlässlichen Quantifizierung des intestinalen Gasvolumens.

8.6 «Die 3-6-9-Regel liefert eine Diagnose»

Die genannten Durchmesser sind Orientierungswerte zur Erkennung einer möglichen Dilatation. Sie ersetzen weder die Beurteilung des gesamten Gasverteilungsmusters noch die klinische Einordnung.

9. Systematische Befundung der Gasverteilung

Eine reproduzierbare Beurteilung lässt sich anhand von sechs aufeinanderfolgenden Fragen durchführen.

  1. Wo befindet sich das Gas? Magen, Dünndarm, Kolon oder Rektum?
  2. Welche Darmabschnitte sind sichtbar? Lassen sich Dünn- und Dickdarm anhand von Lage und Faltenmuster unterscheiden?
  3. Besteht eine Dilatation? Sind einzelne oder mehrere Schlingen über die üblichen Kalibergrenzen hinaus erweitert?
  4. Wie ist das Gas verteilt? Überwiegend zentral, peripher, diffus oder segmental?
  5. Ist distal noch Gas nachweisbar? Wie verhalten sich Kolon- und Rektumgasfüllung zur proximalen Dilatation?
  6. Welche Einschränkungen bestehen? Können flüssigkeitsgefüllte Darmschlingen, technische Faktoren oder fehlende Voraufnahmen die Interpretation beeinflussen?

9.1 Beispiel: Unauffällige Gasverteilung

Befund: Geringe Gasfüllung einzelner nicht dilatierter Dünndarmschlingen. Variable Gas- und Stuhlfüllung des Kolons bis zum Rektum. Keine erkennbar pathologische Darmerweiterung.

Beurteilung: Unauffälliges intestinales Gasverteilungsmuster ohne radiographisch erkennbare Darmdilatation.

9.2 Beispiel: Auffällige Dünndarmgasverteilung

Befund: Mehrere zentral gelegene, gasgefüllte Dünndarmschlingen mit einem Durchmesser bis 3,8 cm und erkennbaren Kerckring-Falten. Vergleichsweise geringe Gasfüllung des Kolons.

Beurteilung: Pathologische Dünndarmdilatation mit relativ gasarmem Kolon. Verdacht auf eine mechanische Dünndarmpassagestörung; weitere Abklärung entsprechend der klinischen Situation erforderlich.

9.3 Beispiel: Gasarmes Abdomen

Befund: Insgesamt geringe intraluminale Gasfüllung mit nur wenigen abgrenzbaren Darmschlingen. Eine zuverlässige Beurteilung des Dünndarmkalibers ist projektionsradiographisch nicht möglich.

Beurteilung: Unspezifisch gasarmes Abdomen. Bei klinischem Verdacht auf eine relevante Passagestörung ist eine weiterführende Bildgebung erforderlich.

Die Beispiele verdeutlichen die Trennung zwischen morphologischer Befundbeschreibung und diagnostischer Interpretation.

10. Diagnostische Grenzen und weiterführende Bildgebung

Die konventionelle Abdomenaufnahme kann auffällige Gasverteilungsmuster und Darmerweiterungen darstellen. Sie besitzt jedoch wesentliche Einschränkungen bei der Beurteilung flüssigkeitsgefüllter Darmabschnitte, der Darmwand und möglicher extraintestinaler Ursachen.

Insbesondere lassen sich anhand einer einzelnen Übersichtsaufnahme häufig nicht zuverlässig beantworten:

  • ob eine mechanische oder funktionelle Passagestörung vorliegt,
  • wo sich eine mögliche mechanische Übergangszone befindet,
  • welche Ursache einer Obstruktion zugrunde liegt,
  • ob eine Darmischämie oder andere relevante Komplikation besteht.

Die CT ist bei klinisch begründetem Verdacht auf eine relevante mechanische Obstruktion beim Erwachsenen in vielen Situationen die entscheidende weiterführende Untersuchung. Sie ermöglicht die Beurteilung gas- und flüssigkeitsgefüllter Darmschlingen sowie der umgebenden Strukturen.

Die Sonographie kann insbesondere bei geeigneten Patienten und Untersuchungsbedingungen zusätzliche Informationen zu flüssigkeitsgefüllten Darmschlingen, Darmbewegungen und freier Flüssigkeit liefern. Die Wahl des Untersuchungsverfahrens hängt von der klinischen Fragestellung, dem Alter, einer möglichen Schwangerschaft und der Dringlichkeit ab.

Eine unauffällige oder unspezifische Gasverteilung darf deshalb nicht dazu führen, dass bei klinischen Warnzeichen eine notwendige weiterführende Diagnostik unterbleibt.

11. Fazit

Die Beurteilung der intestinalen Gasverteilung ist ein grundlegender Bestandteil der konventionellen Abdomenradiographie. Ihr diagnostischer Wert ergibt sich aus dem Zusammenspiel von anatomischer Lokalisation, Darmkaliber, Faltenmuster und der Verteilung gasgefüllter beziehungsweise gasarmer Darmabschnitte.

Für die praktische Befundung sind insbesondere folgende Grundsätze wichtig:

  • Die normale Gasverteilung ist variabel und muss nicht sämtliche Darmabschnitte sichtbar machen.
  • Die 3-6-9-Regel bietet eine Orientierung zur Erkennung einer Darmdilatation, ersetzt aber keine differenzialdiagnostische Beurteilung.
  • Das Verteilungsmuster kann eine mechanische Passagestörung vermuten lassen, deren Ursache jedoch meist nicht sicher bestimmen.
  • Gas im distalen Kolon oder Rektum schliesst eine mechanische Obstruktion nicht aus.
  • Ein gasarmes oder gasloses Abdomen kann trotz relevanter Erkrankung vorliegen.
Die entscheidende radiologische Frage lautet nicht: «Wie viel Gas ist vorhanden?», sondern: «Wo befindet sich das Gas, welche Darmabschnitte sind erweitert und welche anatomischen Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?»

12. Literatur

  1. James B, Kelly B. The Abdominal Radiograph. Ulster Medical Journal. 2013;82(3):179–187.
  2. Nelms DW, Kann BR. Imaging Modalities for Evaluation of Intestinal Obstruction. Clinics in Colon and Rectal Surgery. 2021;34(4):205–218.
  3. Musson RE, Bickle I, Vijay RK. Gas patterns on plain abdominal radiographs: a pictorial review. Postgraduate Medical Journal. 2011.
  4. Wong J, Patel L, Curtis J. Interpreting abdominal radiographs. BMJ. 2012;345:e5375.
  5. Radiology Masterclass. Abdominal X-ray – System and anatomy: Bowel gas pattern. Online-Lehrmaterial.
  6. Evaluation of abdominal gas by plain abdominal radiographs. Neurogastroenterology & Motility. 2023.
Nach oben scrollen