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Kalk in der Schulter: Ursache oder Zufall?

Verkalkungen im Bereich der Schulter sind im konventionellen Röntgen häufig. Sie können völlig harmlose Zufallsbefunde sein, aber auch mit akuten oder chronischen Schmerzen zusammenhängen. Entscheidend ist nicht allein, dass Kalk sichtbar ist, sondern wo er liegt, wie er aussieht und ob die Klinik dazu passt.


Warum Verkalkungen in der Schulter unterschiedlich zu bewerten sind

Im Röntgenbild erscheinen Verkalkungen als dichte, weisse Strukturen. Sie können in Sehnen, Schleimbeuteln, Gelenkknorpel, Gelenkkapsel oder als freie Gelenkkörper auftreten. Ihre Bedeutung ist sehr unterschiedlich.

Ein häufiger Fehler besteht darin, jede sichtbare Verkalkung automatisch als Schmerzursache zu werten. Das ist nicht korrekt. Viele Verkalkungen sind chronisch, stabil und klinisch unbedeutend. Andere stehen dagegen für eine aktive Entzündung oder mechanische Reizung und können starke Beschwerden verursachen.

Merksatz:
Nicht jede Verkalkung ist schmerzhaft. Entscheidend sind Morphologie, Lokalisation und klinischer Zusammenhang.


Verkalkungen der Rotatorenmanschette

Die häufigste relevante Verkalkung im Schulterbereich betrifft die Rotatorenmanschette. Meist liegt sie im Bereich der Supraspinatussehne, seltener in der Infraspinatus- oder Subscapularissehne.

Radiologisch wird häufig von einer Kalktendinopathie, Tendinose oder Tendinitis calcarea gesprochen. Im konventionellen Röntgen ist eine exakte Trennung zwischen Verkalkungen innerhalb der Sehne und am Sehnenansatz oft nicht sinnvoll möglich. Für die Praxis ist wichtiger, ob der Befund aktiv wirkt und zur Symptomatik passt.

Typische Phasen der Kalktendinopathie

Die Kalktendinopathie verläuft typischerweise in mehreren Phasen. Diese Phasen erklären, warum manche Verkalkungen schmerzhaft sind und andere nicht.

  • Formationsphase: Kalk lagert sich in der Sehne ab. Diese Phase verursacht oft keine oder nur geringe Beschwerden.
  • Ruhephase: Die Verkalkung bleibt stabil. Im Röntgen zeigt sie sich häufig kompakt und scharf begrenzt. Oft handelt es sich um einen Zufallsbefund.
  • Resorptionsphase: Der Körper beginnt, den Kalk aktiv abzubauen. Dabei entsteht eine entzündliche Reaktion im umliegenden Gewebe. Diese Phase ist häufig stark schmerzhaft.

Radiologische Hinweise auf Schmerzrelevanz

  • Unscharfe, wolkige Verkalkung: Hinweis auf eine aktive Phase, häufig schmerzhaft.
  • Scharf begrenzte, kompakte Verkalkung: eher stabiler Befund, häufig asymptomatisch.
  • Begleitende Weichteilreaktion: kann auf eine entzündliche Aktivität hinweisen.

Die Form der Verkalkung ist daher oft wichtiger als die genaue Bezeichnung. Ein akuter Schulterschmerz passt eher zu einer aktiven, unscharfen Verkalkung als zu einem alten, kompakten Kalkdepot.


Kalkbursitis: Wenn Kalk in den Schleimbeutel gelangt

Eine Kalkbursitis entsteht häufig im Zusammenhang mit einer Kalktendinopathie der Rotatorenmanschette. Dabei kann Kalkmaterial in die subakromial-subdeltoidale Bursa gelangen. Das führt oft zu einer ausgeprägten entzündlichen Reaktion.

Klinisch ist dies häufig eine sehr schmerzhafte Situation. Patientinnen und Patienten berichten über akute Schmerzen, deutliche Bewegungseinschränkung und manchmal auch Nachtschmerz.

Radiologische Hinweise

  • Kalk nicht nur im Sehnenbereich, sondern ausgedehnter im subakromialen Raum
  • eher wolkige oder verstreute Verkalkung
  • klinisch häufig akuter Schmerz und eingeschränkte Abduktion

Die Kalkbursitis ist deshalb eine wichtige Differenzialdiagnose bei akuten Schulterschmerzen mit sichtbaren Verkalkungen.


Chondrokalzinose: Kalk im Knorpel

Die Chondrokalzinose ist eine Verkalkung von Knorpelstrukturen, meist durch Ablagerung von Calciumpyrophosphat-Kristallen. Man spricht deshalb auch von CPPD-Erkrankung.

Im Schulterbereich kann die Chondrokalzinose das Glenohumeralgelenk, das AC-Gelenk oder periartikuläre Strukturen betreffen. Im Röntgen zeigen sich feine, lineare oder punktförmige Verkalkungen im Bereich des Gelenkknorpels oder der Gelenkstrukturen.

Klinische Bedeutung

Viele Chondrokalzinosen sind Zufallsbefunde, besonders bei älteren Patientinnen und Patienten. Sie erklären Schulterschmerzen nicht automatisch.

Schmerzhaft wird die CPPD-Erkrankung vor allem dann, wenn es zu einer akuten Kristallarthritis kommt. Diese wird umgangssprachlich oft als Pseudogicht bezeichnet. Dann können akute Schmerzen, Schwellung, Überwärmung und deutliche Funktionseinschränkung auftreten.

  • Meist: Zufallsbefund ohne akute klinische Bedeutung
  • Relevant bei: akuter Pseudogicht / Kristallarthritis
  • Radiologisch: feine Verkalkungen im Knorpel- oder Gelenkbereich

Für die Praxis ist wichtig: Chondrokalzinose im Röntgen bedeutet nicht automatisch, dass sie die aktuelle Schmerzursache ist. Die klinische Entzündungssituation entscheidet.


AC-Gelenksarthrose mit Verkalkungen

Degenerative Veränderungen des AC-Gelenks sind häufig. Dazu gehören Gelenkspaltverschmälerung, subchondrale Sklerosierung, Osteophyten und gelegentlich auch periartikuläre Verkalkungen.

Diese Veränderungen können Schmerzen verursachen, müssen es aber nicht. Typisch sind belastungsabhängige Schmerzen, Druckschmerz über dem AC-Gelenk und Beschwerden bei Überkopfbewegungen oder Adduktion des Arms vor dem Körper.

  • häufiger chronischer als akuter Schmerz
  • lokaler Druckschmerz über dem AC-Gelenk
  • radiologische Arthrosezeichen müssen zur Klinik passen

Auch hier gilt: Die Arthrose im Röntgen ist nicht automatisch die Schmerzursache. Sie gewinnt an Bedeutung, wenn Klinik und Lokalisation übereinstimmen.


Synoviale Chondromatose: Verkalkte Gelenkkörper

Die synoviale Chondromatose ist eine seltene Erkrankung der Gelenkschleimhaut. Dabei bildet die Synovia knorpelige Knoten, die sich ablösen und als freie Gelenkkörper im Gelenk liegen können. Diese Gelenkkörper können später verkalken oder verknöchern.

Im Röntgen sieht man dann multiple rundliche oder ovale Verkalkungen im Gelenkbereich. Im Unterschied zur Kalktendinopathie liegen diese Verkalkungen nicht typisch in der Rotatorenmanschette, sondern intraartikulär oder gelenknah.

Warum kann das Schmerzen machen?

Die Beschwerden entstehen meist nicht durch eine Entzündung wie bei der akuten Kalktendinopathie, sondern durch mechanische Reizung. Freie Gelenkkörper können Einklemmungsgefühle, Blockierungen, Reiben oder Bewegungsschmerzen verursachen.

  • multiple verkalkte oder ossifizierte Gelenkkörper
  • mechanische Beschwerden möglich
  • Blockierungen oder Bewegungseinschränkung möglich
  • selten, aber wichtige Differenzialdiagnose

Für Hausärztinnen und Hausärzte ist diese Diagnose vor allem dann wichtig, wenn im Röntgen mehrere verkalkte Gelenkkörper sichtbar sind und die Patientin oder der Patient mechanische Beschwerden schildert.


Seltene posttraumatische oder weichteilige Verkalkungen

Nicht alle Verkalkungen im Schulterbereich sind degenerativ oder kristallbedingt. Nach Trauma, Muskelverletzung oder Hämatom können Weichteilverkalkungen entstehen.

Myositis ossificans

Die Myositis ossificans ist eine umschriebene Knochenbildung im Weichteilgewebe, meist nach Trauma. In der frühen Phase kann sie schmerzhaft sein. Im Verlauf zeigt sich zunehmend eine reifere, ossäre Struktur.

Verkalktes Hämatom

Auch alte Hämatome können verkalken. Ob sie Beschwerden verursachen, hängt von ihrer Grösse, Lage und mechanischen Wirkung ab.

  • posttraumatische Anamnese wichtig
  • Lokalisation oft ausserhalb der typischen Sehnenregion
  • Verlaufskontrolle kann hilfreich sein

Meist nicht schmerzrelevante Verkalkungen

Einige Verkalkungen fallen im Schulterbereich zufällig auf und haben meist keinen Bezug zu Schulterschmerzen.

  • Gefässverkalkungen: zum Beispiel im Verlauf der A. axillaris.
  • Verkalkte Lymphknoten: meist Ausdruck abgelaufener entzündlicher oder granulomatöser Prozesse.
  • Alte stabile Kalkdepots: kompakte, scharf begrenzte Verkalkungen ohne passende Klinik.

Diese Befunde sollten erwähnt, aber nicht überinterpretiert werden.


Praktische Einordnung

Die wichtigste Frage lautet nicht: „Ist Kalk vorhanden?“, sondern: „Passt dieser Kalk zur aktuellen Symptomatik?“

Befund Typische Bedeutung
Unscharfe, wolkige Verkalkung der Rotatorenmanschette häufig aktive Kalktendinopathie, potenziell schmerzhaft
Kalk im subakromialen Raum Hinweis auf Kalkbursitis, oft stark schmerzhaft
Feine Knorpelverkalkungen Chondrokalzinose, oft Zufallsbefund, bei akuter Kristallarthritis relevant
AC-Gelenksarthrose mit Osteophyten mögliche chronische Schmerzursache bei passender Klinik
Multiple verkalkte Gelenkkörper Verdacht auf synoviale Chondromatose, mechanische Beschwerden möglich
Gefäss- oder Lymphknotenverkalkungen meist nicht Ursache von Schulterschmerzen

Fazit

Kalk in der Schulter ist ein häufiger Röntgenbefund. Er ist aber nicht automatisch die Ursache von Schmerzen. Besonders relevant sind aktive Verkalkungen der Rotatorenmanschette, Kalkbursitis und mechanisch wirksame verkalkte Gelenkkörper.

Chondrokalzinose und AC-Gelenksarthrose können klinisch bedeutsam sein, müssen aber immer mit der Symptomatik korreliert werden. Viele andere Verkalkungen sind Zufallsbefunde.

Die konventionelle Radiologie liefert häufig bereits die entscheidenden Hinweise. Der Mehrwert liegt in der differenzierten Einordnung: Welche Verkalkung ist wahrscheinlich relevant – und welche nicht?

Schematische Darstellung von Verkalkungen der Schulter im Röntgen mit Kalktendinopathie, Kalkbursitis, Chondrokalzinose, AC-Gelenksarthrose und synovialer Chondromatose
Radiologische Einordnung typischer Verkalkungen

Literatur

  • Uhthoff HK, Sarkar K, Maynard JA. Calcifying tendinitis: a new concept of its pathogenesis. Clinical Orthopaedics and Related Research.
  • Bosworth BM. Calcium deposits in the shoulder and subacromial bursitis: a survey of 12,122 shoulders. Radiology.
  • Speed CA, Hazleman BL. Calcific tendinitis of the shoulder. New England Journal of Medicine.
  • McCarty DJ. Calcium pyrophosphate dihydrate crystal deposition disease – 1975. Arthritis & Rheumatism.
  • Milgram JW. Synovial osteochondromatosis: a histopathological study. Journal of Bone and Joint Surgery.
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