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Degenerative und entzündliche Veränderungen der Hand im Röntgen

Die konventionelle Radiographie der Hand ist ein zentrales diagnostisches Werkzeug bei chronischen Handbeschwerden. Mit der Projektionsradiographie lassen sich degenerative von entzündlichen Gelenkveränderungen unterscheiden – vorausgesetzt, man achtet auf typische Muster der Gelenkbeteiligung, Gelenkspaltveränderung und Knochenreaktion.


Degenerative Veränderungen (Arthrosen)

Degenerative Veränderungen beruhen primär auf Knorpelverschleiss und mechanischer Überlastung. Sie betreffen bevorzugt die distalen und proximalen Interphalangealgelenke sowie das Daumensattelgelenk.

Typische Röntgenzeichen

  • Asymmetrische Gelenkspaltverschmälerung
  • Subchondrale Sklerose
  • Osteophyten (randständige Knochenanbauten)
  • Subchondrale Zysten
  • Achsabweichungen und Subluxationen im Spätstadium

Klassische Manifestationen sind die Heberden-Arthrose (DIP-Gelenke), die Bouchard-Arthrose (PIP-Gelenke) sowie die Rhizarthrose des Daumensattelgelenks. Die MCP-Gelenke sind bei primärer Arthrose meist ausgespart.


Entzündliche Veränderungen (Arthritiden)

Entzündliche Erkrankungen der Hand sind durch eine primäre Synovialitis oder Kristallablagerungen gekennzeichnet. Die radiologischen Veränderungen resultieren aus Knochenabbau und Destruktion der gelenkbildenden Strukturen.

Typische Röntgenzeichen

  • Symmetrische Gelenkspaltverschmälerung
  • Marginale Erosionen
  • Periartikuläre Entkalkung (entzündlich bedingte Osteopenie)
  • Fehlende oder geringe Osteophytenbildung
  • Weichteilschwellung

Zu den wichtigsten entzündlichen Krankheitsbildern zählen die rheumatoide Arthritis, die Psoriasis-Arthritis, die Gichtarthropathie sowie die septische Arthritis.


Warum die Unterscheidung degenerativ vs. entzündlich nicht immer eindeutig ist

In der angloamerikanischen Literatur wird für degenerative Gelenkerkrankungen bewusst der Begriff Osteoarthritis verwendet. Dieser Terminus trägt dem Umstand Rechnung, dass es sich bei der Arthrose nicht um einen rein mechanischen Verschleissprozess handelt, sondern dass degenerative Veränderungen häufig mit entzündlichen Reaktionen der Synovialmembran einhergehen.

Durch Knorpelabrieb entstehen Detrituspartikel, die in die Gelenkhöhle und die Synovia gelangen können. Diese Partikel können eine sekundäre Synovialitis auslösen, die mit der Freisetzung proinflammatorischer Mediatoren verbunden ist und klinisch zu entzündlichen Schüben bei degenerativen Gelenkerkrankungen führt.

Radiologisch kann sich diese entzündliche Mitbeteiligung unter anderem durch Weichteilschwellungen, temporäre Schmerzexazerbationen und überlappende Bildzeichen äussern. Insbesondere bei der aktivierten oder erosiven Arthrose ist eine klare Abgrenzung zu primär entzündlichen Arthritiden im konventionellen Röntgenbild nicht immer eindeutig möglich.

Die Unterscheidung zwischen degenerativen und entzündlichen Veränderungen ist daher als didaktisches Modell zu verstehen. In der klinischen Praxis muss sie stets im Kontext von Anamnese, Verlauf und gegebenenfalls weiterführender Bildgebung interpretiert werden.


Koexistenz verschiedener Grunderkrankungen am Handskelett

Neben der Überlappung degenerativer und entzündlicher Mechanismen können auch unterschiedliche Grunderkrankungen gleichzeitig das Handskelett betreffen. Dies ist insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten sowie bei langjährigem Krankheitsverlauf keine Seltenheit.

So können beispielsweise eine rheumatoide Arthritis mit entzündlicher Beteiligung der MCP- und PIP-Gelenke und gleichzeitig degenerative Veränderungen im Sinne einer Rhizarthrose des Daumensattelgelenks vorliegen. Diese Konstellation ist klinisch häufig und radiologisch gut erklärbar durch die unterschiedliche Gelenkpräferenz der jeweiligen Erkrankungen.

Auch bei der Psoriasis-Arthritis können entzündliche Veränderungen einzelner Strahlen mit degenerativen Arthrosen anderer Gelenke koexistieren. Ebenso treten Gicht oder andere Kristallarthropathien bevorzugt in bereits degenerativ vorgeschädigten Gelenken auf und überlagern dort arthrotische Veränderungen.

Darüber hinaus können systemische oder metabolische Erkrankungen wie Kollagenosen, Hämochromatose oder Chondrokalzinose mit alters- oder belastungsbedingten degenerativen Veränderungen des Handskeletts kombiniert auftreten.

Radiologisch ist es daher essenziell, die Befundung nicht monokausal auszurichten, sondern mehrere gleichzeitig bestehende Pathologien zu berücksichtigen. Das gleichzeitige Vorliegen unterschiedlicher Erkrankungen schliesst sich nicht aus und stellt vielmehr eine häufige klinische Realität dar.

Röntgenzeichen

Polyarthrose der Hand

  • Typ: Degenerativ
  • Bevorzugte Gelenke: DIP, PIP
  • Gelenkspalt: Asymmetrisch verschmälert
  • Knochenveränderungen: Osteophyten, subchondrale Sklerose
  • Typische RX-Merkmale: Randständiger Knochenanbau

Rhizarthrose

  • Typ: Degenerativ
  • Betroffenes Gelenk: CMC I
  • Gelenkspalt: Asymmetrisch
  • Knochenveränderungen: Osteophyten, Subluxation
  • Typische RX-Merkmale: Dreieckstellung des Metakarpale I

Rheumatoide Arthritis

  • Typ: Entzündlich
  • Bevorzugte Gelenke: MCP, PIP, Handgelenk
  • Gelenkspalt: Symmetrisch verschmälert
  • Knochenveränderungen: Marginale Erosionen
  • Typische RX-Merkmale: DIP meist ausgespart

Psoriasis-Arthritis

  • Typ: Entzündlich
  • Bevorzugte Gelenke: Häufig DIP
  • Gelenkspalt: Variabel
  • Knochenveränderungen: Erosionen und Knochenanbau
  • Typische RX-Merkmale: Pencil-in-cup-Deformität, Akroosteolyse

Gicht

  • Typ: Entzündlich (Kristallarthropathie)
  • Bevorzugte Gelenke: MCP, DIP
  • Gelenkspalt: Lange erhalten
  • Knochenveränderungen: Ausgestanzte Erosionen
  • Typische RX-Merkmale: Überhängende Ränder

Septische Arthritis

  • Typ: Entzündlich (infektiös)
  • Bevorzugte Gelenke: Beliebig
  • Gelenkspalt: Rasch verschmälert
  • Knochenveränderungen: Unscharfe Destruktion der Gelenkflächen
  • Typische RX-Merkmale: Schneller Verlauf, Klinik entscheidend

Warum degenerative und entzündliche Gelenkveränderungen bestimmte Gelenke bevorzugen

Dass degenerative und entzündliche Erkrankungen des Handskeletts bevorzugt bestimmte Gelenke betreffen, ist kein Zufall. Die Gelenkverteilung spiegelt vielmehr ein komplexes Zusammenspiel aus anatomischen, biomechanischen und krankheitsspezifischen Faktoren wider.

Degenerative Veränderungen treten bevorzugt an Gelenken auf, die im Alltag hohen mechanischen Belastungen und Scherkräften ausgesetzt sind. Dies betrifft insbesondere die distalen und proximalen Interphalangealgelenke sowie das Daumensattelgelenk. Wiederholte Mikrotraumata, hohe Bewegungsamplituden und eine ungünstige Kraftübertragung begünstigen hier den Knorpelverschleiss und erklären die typische Lokalisation der Handarthrose und der Rhizarthrose.

Entzündliche Gelenkerkrankungen manifestieren sich hingegen bevorzugt an den MCP- und PIP-Gelenken sowie dem Handgelenk. Die dort vorhandene relativ grosse, gut vaskularisierte Synovialmembran begünstigt systemische entzündliche Prozesse, wie sie beispielsweise bei der rheumatoiden Arthritis auftreten.

Krankheitsspezifische Mechanismen beeinflussen die Gelenkverteilung zusätzlich. Bei der Psoriasis-Arthritis spielen entzündliche Prozesse an Sehnen- und Bandansätzen eine zentrale Rolle, weshalb häufig die DIP-Gelenke betroffen sind, die anatomisch eng mit dem Nagelapparat und enthesealen Strukturen verknüpft sind. Bei der Gicht wiederum begünstigen periphere Lage, geringere Temperatur und oft bereits bestehende degenerative Vorschäden die Ablagerung von Uratkristallen.

Die bevorzugte Gelenkbeteiligung ist somit Ausdruck der jeweiligen Krankheitsbiologie und der lokalen mechanischen Bedingungen. Für die radiologische Diagnostik ist die Analyse der Gelenkverteilung daher ein zentrales Kriterium, um zwischen verschiedenen degenerativen und entzündlichen Erkrankungen zu unterscheiden und mögliche Koexistenz mehrerer Pathologien zu erkennen.

Praktische Merkhilfe für die Befundung

Arthrose baut auf – Arthritis frisst an.

Osteophyten und Sklerose sprechen für Degeneration, frühe Erosionen und symmetrische Gelenkbeteiligung für eine entzündliche Genese.


Fazit

Die systematische Analyse von Gelenkverteilung, Gelenkspaltveränderung und Knochenreaktion ermöglicht im konventionellen Handröntgen eine zuverlässige Differenzierung zwischen degenerativen und entzündlichen Erkrankungen. Die Kenntnis dieser Muster ist essenziell für eine präzise Befundung und die klinische Weiterführung.


Literatur

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  • Greenspan A. Orthopedic Imaging: A Practical Approach. 6th ed. Wolters Kluwer; 2015.
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  • Schumacher HR. American Journal of Medicine. 2014;127(Suppl 1):S3–S8.
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